Eltern und Kinder

3096 Tage – Was ist mit den Menschen los?

Gestern schaute ich mir nach monatelangem Grübeln darüber, ob ich ihn überhaupt sehen will, den Film 3096 Tage an, in dem es um das Schicksal der 1998 entführten und damals 10 Jahre alten Natascha Kampusch geht, die 8 Jahre von ihrem Entführer in seinem Haus eingesperrt und gefangengehalten worden war, bevor sie sich 2006 mit 18 Jahren befreien und ihm entkommen konnte.

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Quelle: Pixabay

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Film sehen will, obwohl er mich unglaublich interessierte, weil mir einfach der Gedanke widerstrebte, dieses unfassbare Schicksal als eine Art der Abendunterhaltung zu nutzen – und dieser Blogbeitrag soll nun auch weder eine Werbung für diesen Film noch eine Rezension darüber darstellen. Ich denke, jeder weiß, um was es bei diesem Film geht und jeder weiß, wer Natascha ist und was sie durchmachen musste. Warum ich nun, nach all den Jahren, die seit ihrer Flucht vergangen sind, diesen Blogbeitrag verfasse?

a) Weil mich dieser Film aufs Neue sehr betroffen hat.

b) Weil ich nach dem Film etwas im Internet stöberte, sie bei Twitter fand und dort auch wieder einmal lesen musste, was für Dinge sich die junge Frau Tag für Tag anhören muss.

Ich las und hörte (sogar in meinem engeren Umfeld) in den Jahren nach ihrer Flucht so unfassbare Dinge, die ich bis heute nicht verstehen kann. Dinge und Anschuldigungen, Aussagen und aufgeworfene Fragen, die nur zu denken mich schon zum Kotzen, Brüllen und Heulen bringen können.

„Sie ist doch selbst Schuld gewesen!“

 

„Sie war doch freiwillig da, warum sonst ist sie nicht schon vorher weggelaufen? Chancen hatte sie genug!“

 

„Die war doch in den verliebt, sie hatte schließlich freiwillig Sex, das hat sie sogar zugegeben.“

 

„Das war doch ein gemeinsames Ding der beiden! Deswegen war sie auch so traurig über seinen Selbstmord!“

 

„Ich kann ihr jammerndes Gesicht im Fernsehen nicht mehr sehen, die nervt doch nur noch, wie sie ihre angebliche Horrorstory ausschlachtet.“

 

„Die will doch nur Kohle machen.“

Oder ganz neu und wirklich unglaublich lustig:

„Sie soll doch Trainerin vom BVB werden, weil sie weiß, wie man aus dem Keller rauskommt.“

Wie können Menschen so über diese junge Frau sprechen? Dieses Mädchen war verdammt noch mal ZEHN JAHRE alt, als es von diesem Mann auf offener Straße entführt wurde. ZEHN JAHRE ALT! Ein Mädchen, das mit Puppen spielte, etwas Übergewicht hatte und gerne Süßigkeiten aß. Ein Mädchen, das in die vierte Grundschulklasse ging! Das Kind von einer Mama und einem Papa. Das Enkelkind von Großeltern. Wenn ich mir auch nur ansatzweise vorstelle, dass sowas einem meiner Mädchen passieren würde, ich – nein, ICH kann es mir nicht mal ansatzweise vorstellen, denn mein Mamahirn lässt nicht mal die Andeutung einer solchen Überlegung zu, so weh tut es. Dieses Mädchen verbrachte ACHT JAHRE in der Gefangenschaft ihres Entführers. ACHT JAHRE lang kannte sie nichts als ihn. Sie entwickelte sich nicht wie normale Kinder und Teenager, sie lernte nur SEIN Weltbild kennen. Sie hatte NUR IHN! Er war alles, was sie hatte. Gezwungenermaßen. Und ich muss immer wieder daran denken, dass ich mit Freunden feierte, den Führerschein, mein Abitur machte, ein Studium begann, mich verliebte, zusammenzog – lebte – während sie dort in diesem Keller war. Was alles in ACHT JAHREN passiert. Nicht bei Natascha. Sie wurde 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18. Bei ihm. Mit ihm.

Ich finde, diese junge Frau, hat alle Rechte der Welt, mit ihrer Geschichte und dem, was sie erleben musste, auf jede Art und Weise umzugehen, die ihr auch nur ansatzweise beim Verarbeiten helfen kann. Und ja, sie darf auch Geld damit verdienen. Denn womit sonst? Während andere in ihrem Alter Schulen abschlossen und Ausbildungen begannen, war sie dort in diesem Keller. Und wenn sie in 10000 Talkshows, Büchern, Dokus und Filmen wieder und wieder von ihrem Leben erzählen will, dann soll und muss sie das tun! Und jeder, der meint, sie wäre nervig, unsympathisch, seltsam, hässlich oder mediengeil, der sollte sich meiner Meinung nach schämen. Zutiefst schämen. Kann wirklich jemand glauben, dass ein ZEHNJÄHRIGES Mädchen zu seinem Liebhaber zog? Dass ein ZEHNJÄHRIGES Mädchen all das zusammen mit ihm einfädelte? Sie war ein kleines Kind. Das alles verlor. Und dem niemand diese Zeit je wieder zurückgeben wird.

Ich wollte das gerade einfach loswerden, weil ich wirklich heulen muss, wenn ich wieder all diese Anschuldigungen und Verschwörungstheorien lesen. Denkt, was ihr wollt. Das ist eure Sache. Aber denkt einfach wieder genau darüber nach, was passiert ist. Was die Fakten sind – und dann stellt euch vor, eurem Kind passiert sowas auch nur für 4 Wochen. Oder 4 Tage. Oder auch nur 4 Stunden. Und dann seht weiter, ob man auf die Art und Weise über diese junge Frau sprechen muss. Niemand wurde gezwungen, ihre Geschichte in den Medien zu verfolgen und niemand muss sie hübsch oder sympathisch oder unterhaltsam finden. Aber alles, was darüber hinaus geht, ist einfach nur unmenschlich.

 

 

9 Gedanken zu „3096 Tage – Was ist mit den Menschen los?

  1. Ich bin 100-prozentig Deiner Meinung, Aber den Film werde ich mir trotzdem nicht anschauen, weil es mir zu nahe geht und ich es als zu voyeuristisch empfinde. Aber wie Du auch sagst: Ich kann/will mir das Leid der Familie und des Kindes nicht einmal im Ansatz vorstellen, weil ich sonst kotzen muss. Mein Mamahirn lässt das nicht zu.

    1. Genau deswegen habe ich ihn bisher auch nicht angesehen. Weil ich ihn als zu voyoristisch empfinde. Aber dann dachte ich mir, dass sie das Buch und den Film unterstützt hat, weil sie WILL, dass man ihre Geschichte sieht… Aber trotzdem finde ich es heftig, sowas anzusehen. Weil man eben nicht sagen kann „Ist ja nur ein Film“…

  2. Liebe Katja,

    da kann ich Dir nur voll zu stimmen. Ich wusste gar nicht, dass es so viele bescheuerte und schwachsinnige Meinungen über den Fall von Natascha K. gibt. Unglaublich. Da vergeht mir alles.

    lg. Christian

    1. Ja, leider gibt es unglaublich viele solcher Menschen. Immer noch. Ganze Webseiten werden davon gefüllt. Ich finde das so unmenschlich und schrecklich…

  3. Ich muss zugeben, ich habe mich mit dem Fall gar nicht so eingehend beschäftigt und da ich nur wenig fernsehe, fand ich das Thema auch nicht „nervig“. Ich finde es erschreckend, dass diese Frau auch nach all den Jahren, in denen ihr so viel angetan wurde weiter leiden muss – unter solchen Aussagen! Ich hoffe, sie liest das. Vielleicht hilft es, zu wissen, dass nicht alle so denken.
    Liebe Grüße
    Julia

    1. Liebe Julia,

      ich weiß auch nicht, wie man auf dieser ganzen schlimmen Geschichte in der Art noch so lange danach so rumreiten kann. Da kommen immer neue wirre Ideen dazu und Verschwörungstheorien. Und diese arme junge Frau muss das alles miterleben und lesen. Widerlich. Ich würde sie da gerne einfach nur in den Arm nehmen und ihr sagen, dass sie nicht hinhören soll…

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