Blogparaden ·Eltern und Kinder

Blogparade: Die Kindergartenmafia

Im November erfuhr Mama on the rocks, wie es sich fürs Mamaherz anfühlt, wenn das eigene Kind gemobbt wird und sich nicht mehr in seiner Haut wohlfühlt. Wer möchte, kann den Artikel hier nachlesen. Wegen dieser Erfahrung rief sie zusammen mit Mama Schulze zur Blogparade zu ebendiesem Thema auf. Und daran will ich mich hier und heute beteiligen.

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„Da musst du drüberstehen!“ – wenn die #Kindergartenmafia oder Grundschulmafia Leben bestimmen

Ich glaube, zu sehen und zu spüren, wie das eigene Kind gemobbt wird, ist mit eines der schlimmsten emotionalen Dinge, die ein Papa oder eine Mama erleben können. Bisher ist das meinen Kindern noch erspart geblieben. Klar gibt es hin und wieder ätzende Zeitgenossen, die meinen, sie wären besser, klüger, hübscher als alle anderen und die – kaum aus der Windel raus – andere kommandieren, unterdrücken und fertigmachen. Ich selbst habe auch so ein Mädchen im Kindergarten meiner Tochter erlebt. Aber richtig zum Ziel wurde meine Maus dort nicht.

Aber ich habe in meiner Zeit in Kindergarten, Grundschule und Gymnasium erleben müssen, wie grausam und bösartig Kinder werden und sein können und wie schlimm sich auch vor allem im Kindes- und Teenageralter die Gruppendynamik auswirken kann. Nicht jeder kann sich die angesagten Marken-Klamotten leisten. Nicht jeder wird zu Hause in allen Lebenslagen von seinen Eltern unterstützt. Nicht jeder ist immer top gestylt. Nicht jeder ist hübsch oder schlank oder beliebt. Und so hart es klingt, ich muss an dieser Stelle sagen: Kinder können richtige Arschlöcher sein. Ganz schnell wird da entschieden, dass ein Kind nicht in die eng vorgezeichneten Kästchen der Bestimmer-Bosse passt – und vor allem, eigentlich kann dieser Ausschluss jederzeit jeden treffen. Ein falsches Wort, eine falsche Geste zur falschen Zeit, ein falsches Kleidungsstück, eine falsche Frisur, ein freundschaftliches Wort zur falschen Person und du bist dran. Schlimm ist oft gar nicht, um was es geht. Schlimm ist vielleicht nicht mal, was gesagt wird. Schlimm ist, dass die meisten Kinder einfach noch kein Selbstbewusstsein haben. Ähnlich einem sozialen Immunsystem muss es erst entstehen und sich festigen. Die Ratschläge des erwachsenen Umfelds in solchen Situationen sind immer dieselben:

„Nimm dir das nicht so zu Herzen!“

 

„Da musst du einfach drüberstehen!“

 

„Lass dich nicht ärgern, dann hören die schon auf.“

 

„Du musst nicht immer alles haben/tun/tragen, was die haben/tun/tragen.“

 

„Wenn die dich nicht so akzeptieren, wie du bist, dann haben die eben Pech gehabt.“

Wenn es denn nur so einfach wäre… Ich selbst wurde in der Grundschule, naja, nicht mal gemobbt. Ich wurde gehänselt. Sie nannten mich „King Kong“ und „Gorilla“. Weil ich ziemlich starken Haarwuchs an den Armen hatte. Für mich war das der pure Horror. Die Kinder waren zu mir gar nicht wirklich böse, aber es tat mir weh zu merken, nicht so zu sein, wie ich gerne wäre. Nicht so zu sein wie die anderen. Ich trug ab da keine kurzärmeligen Sachen mehr. Noch weit ins Gymnasium hinein. Und ich hatte als Kind das Gefühl, dass keiner der Erwachsenen um mich herum meine Probleme damit wirklich erkannte und ernst nahm. Ich hörte nur immer, dass ich doch so ein hübsches Mädchen sei. Dass ich eben „rassig“ wäre und man mir eben meine italienischen Vorfahren ansähe. Dass es meiner Mama in ihrer Kindheit auch so ergangen sei. Dass das doch nicht schlimm wäre. Nicht schlimm aussähe. Tja, nun. Für mich war es aber schlimm. Ich fühlte mich wie ein Monster. Und je mehr die anderen Kinder merkten, dass mir das sehr wohl sehr viel ausmachte, umso öfter machten sie sich darüber lustig. Ich wurde nicht gemobbt. Nein. Aber ich weiß, wie sehr Kinder schon von Kleinigkeiten extrem aus der Bahn geworfen werden. Bei mir genug, um jahrelang keine kurzen Sachen anzuziehen. Warum ich das erzähle? Weil ich Angst davor habe, bei meinen eigenen Kindern solche Sorgen ebenso zu übersehen und kleinzureden. Wir „Großen“ haben eben ganz andere Probleme. Und Sorgen. Aber die Kleinen sind noch verletzbar, sensibel und haben meist noch keine kalte Schulter, die sie den anderen Kindern zeigen können, wenn die mal wieder übers Ziel hinausschießen.

Als ich älter wurde, stellte ich mich immer auf die Seite der Gemobbten, nachdem ich selbst wusste, wie es sich anfühlte und eine schlimme Geschichte mit einer sehr guten Freundin miterlebte, die hier aber zu weit führen würde. Ich entschied das nicht, es passierte automatisch. Ich verstand nicht, warum man bösartig zu jemandem sein konnte, der fettige Haare hatte oder dick war oder die falschen Dinge anhatte. Ich verstand nicht, warum man jemanden in die Ecke drängte und drangsalierte, nur weil er sich für andere Dinge interessierte als für das, was irgendjemand gerade für „in“ hielt. Ich wollte immer erst den Menschen kennenlernen. Und wenn ich feststellte, dass der Mensch nicht zu mir passte, dass war das eben so. Aber dann musste man ihn ganz sicher deswegen nicht fertigmachen. Und das ist mir bei meinen Kindern auch wichtig. Dass sie von Anfang an in der Erziehung lernen, dass man nicht jeden mögen muss, aber dass niemand es verdient hat, gemein, böse oder gehässig behandelt zu werden. Denn wie eine Mama auf ihrem Blog Unddannkamsie so treffend hier beschrieben hat – noch schlimmer, als ein gemobbtes Kind zu haben ist es, ein Kind zu haben, das andere mobbt.

Und wenn es je soweit kommen sollte, dass eine meiner Töchter zur falschen Zeit das falsche tut, trägt, hört, isst oder mit den falschen Menschen spricht, hoffe ich von ganzem Herzen, dass ich mich daran erinnere, warum man als Kind eben nicht über all dem stehen kann. Selbst Erwachsene können das nicht. Ich hoffe einfach, dass ich diese Dinge, sei es Mobbing, Liebeskummer oder ähnliche Sorgen wirklich sehen, erkennen und irgendwie „behandeln“ kann. Denn ehrlich gesagt: Ich habe absolut keine Ahnung, was ich Mama on the rocks raten soll. Oder was ich tun würde, würden Maus oder Mäuschen gemobbt werden. Ich glaube aber, dass die allerwichtigsten Reaktionen zunächst einfach echtes Verständis und Unterstützung sind. Und dass sich dann so irgendwie alles weitere klären lässt.

 

Ein Gedanke zu „Blogparade: Die Kindergartenmafia

  1. Was für ein toller Text, danke für Deine ehrlichen Worte!
    Ja, Kinder sind echt Arschlöcher, was dieses schwierige Thema anbelangt. Und ich finde auch als Mama das Ganze soooo schwierig. Wo projiziere ich, wo gilt es Ernst? Meine Tochter erzählt mir ja zudem auch nicht gleich, wenn was passiert ist, was sie verletzt hat, sondern „irgendwann“, so aus dem Off, wenn es einen Trigger gab. Ich hadere echt damit, ob ich nur meine eigenen schlechten Erfahrungen aus der Kindheit auf sie übertrage. Schwierig.

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