Eltern und Kinder

Das Angstmonster auf der Brust und den Wahnsinn im Kopf

Gerade habeich den sehr persönlichen Post „Nach Stress kommt Angst“ von Gedankenpotpourri gelesen und mir gedacht, ich muss einfach auch was dazu schreiben. Denn aus vielen Kommentaren und aus meinem eigenen Umfeld weiß ich, wie viele Menschen auch darunter leiden und immer glauben, dass sie alleine damit sind.
Ich spreche von Panikattacken.

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© by Pixabay

Ich bekam meine erste Attacke, da war ich 23 Jahre alt, hatte Semesterferien, war entspannt (wirklich?) und hatte noch lange, lange keine Kinder. Ich weiß bis heute nicht genau, warum just in dem Moment meine Seele „STOPP!“ rief. Und zwar laut. Ich bekam meine erste Attacke ein paar Minuten bevor ich in einen Kinosaal gehen wollte. Ich hatte das volle Programm. Es begann mit einem seltsamen Gefühl in der Brust-Sternum-Gegend, meine Hände und die Kopfhaut begannen zu kribbeln, das Herz fing an zu rasen und mein ganzes Ich bestand nur aus „ICH STERBE JETZT“. Ich konnte nur rumrennen und panisch „ICH STERBE“ sagen. Denken. Fühlen. Die Attacke dauerte alles in allem vier Stunden. Die schlimmsten vier Stunden meines Lebens. Fragt nicht, warum ich mich da nicht ich eine Klinik fahren ließ oder so. Ich dachte immer, dass es wieder geht, bevor der nächste Panik-Schub kam. Die erste Attacke, die ich nie in meinem Leben vergessen werde, schob ich noch auf ein Migräne-Medikament, von dem ich dachte, ich hätte es nicht vertragen. Aber ab da besuchte mich die Panik immer wieder. Im Bett. Am Tisch. Ich musste mein Studium unterbrechen, saß sogar in Unizeiten neben meinem heutigen Mann im Labor, weil ich nicht alleine sein wollte/konnte. Es wurde in wenigen Wochen so schlimm, dass ich nur noch auf einem Stuhl in unserer Wohnung sitzen konnte, weil alles andere „böse“ war. Ich vermied alle Orte, Plätze und Situationen, in denen ich je eine Attacke hatte. Meine Welt schrumpfte Tag für Tag, bis irgendwann kaum noch etwas davon übrig war. Ich weinte viel, lag nur im Bett und war mir sicher, dass mein Leben nie mehr schön werden würde. Ich konnte nichts mehr. Nicht einkaufen. Oder mich mit Freunden treffen. Oder zu Abend essen. Oder auf dem zweiten Stuhl an unserem Tisch sitzen!

Das ging so, bis ich meinen Therapeuten fand, der mir schon am Telefon aus dem Urlaub erklärte, was ich hatte – und mich schon ein bisschen beruhigen konnte. Zweieinhalb Jahre harter Arbeit, Selbsterkenntnisse und Achterbahnfahrten folgten, in denen ich mein Leben und meine Freiheit Stück für Stück wiederfand. Meine erste und bisher letzte schlimme Panikattacke als Mutter hatte ich in der ersten Nacht mit der Maus noch in der Klinik. Ich wachte auf, hatte das Gefühl keine Luft zu bekommen und einen Infarkt zu haben und wusste, ich werde sterben und mein Kind wird ohne Mama aufwachsen, ich werde nie erleben, wie sie groß wird, was für ein Mensch sie wird. Aber ich rief keine Hebamme, aus Angst, sie würden mir mein Kind wegnehmen. Das Kind aus den Armen einer Psychotante reißen und sagen „Die kann doch keine Mutter sein!“. Mit meinen gelernten Atem- und Entspannungstechniken kam ich halbwegs zur Ruhe.

Mittlerweile ist es so, dass ich schon noch häufiger aufwache – bevorzugt zwischen drei und vier Uhr nachts – und merke, wie sich die Angst anschleicht und sich auf meinen Brustkorb setzt. Menschen, die auch Panikattacken haben, wissen, welches Gefühl das ist. Zudem habe ich seit ein paar Jahren harmlose Herzrhythmusstörungen, die diese Momente nicht gerade vereinfachen. Aber ich weiß, ich werde nicht sterben, es ist nur das Adrenalin, nur die Angst vor der Angst, nur die Psyche, die mir einen Streich spielt. Und so kommt das Panikmonster nicht mehr oft so weit, dass es kritisch wird. Die Kinder haben mir sehr geholfen, denn ich bin abgelenkter, höre nicht mehr so oft zu tief in mich hinein und ich habe gelernt, wie viel ich eigentlich aushalten und leisten kann. In der zweiten Schwangerschaft sprach ich mit meiner Hebamme über diese Probleme und sie lachte und sagte, ich würde nicht glauben, WIE VIELE Mütter an Panikattacken leiden. Nein. Das glaubte ich wirklich nicht. Aber es scheint so zu sein. Manche haben sie seltener, manche hatten ernsthafte Probleme. Aber man ist nicht alleine damit.

Die Seele sagt STOPP! Der Körper sagt HÖR AUF! Und er findet nur diese Art, die man einfach nicht ignorieren kann – weil man vorher schon alle Warnsignale übersehen oder beiseitegeschoben hat. Es gibt keine Ratschläge oder Tipps, wie man sie vermeiden kann. Was ich aber immer rate ist: Sprecht darüber. Teilt euch in akuten Phasen eurem Umfeld mit. Sucht euch Vertrauenspersonen, denen ihr unterwegs sagen könnt „Lenk mich ab, es geht los!“. Mir hat das unglaublich geholfen. Und deswegen gehe ich auch sehr offen damit um. Ich kann nichts dafür. Aber ich kann gut damit leben, wenn ich nicht das Gefühl haben muss, mich verstellen oder verstecken zu müssen. Denn das macht es meist noch viel schlimmer.

 

4 Gedanken zu „Das Angstmonster auf der Brust und den Wahnsinn im Kopf

  1. Meine Liebe,
    gerade eben habe ich deinen Text entdeckt. Ich finde es wunderbar, dass du damit auch mittlerweile so gut umgehen kannst. Du scheinst wirklich daran gewachsen zu sein. Manchmal, ganz manchmal, bin ich der Angst dankbar dafür, was ich von ihr lernen konnte. Geht es dir ähnlich?

    Liebste Grüße von mir,
    Nina

    1. Liebe Nina,
      lustigerweise ist es sogar so, dass ich froh darüber bin, wegen diesem Angstmonster in Therapie gegangen zu sein. Dort habe ich nämlich so einiges über mich herausgefunden und Dinge, die immer falsch angepackt oder verdrängt hatte, einfach mal auf den Tisch packen müssen. Auch das hat mir sehr geholfen, in meinem Alltag besser klarzukommen. Aber es ist immer noch viel zu tun. Aber ja, irgendwie stärkt das alles auch. Und vielleicht ist es ja auch das, was die Seele mit dieser Art von letztem Hilfeschrei bewirken will?

      Ganz liebe Grüße!

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