Eltern und Kinder ·Erziehung

Das P-Wort – Pubertät und wie ihr daraus einen Dämon macht

Pubertät, die: zur Geschlechtsreife führende Entwicklungsphase des jugendlichen Menschen

So zumindest beschreibt diese scheinbar klar zu definierende Zeit der Pubertät der liebe Duden. Was sich aber tatsächlich hinter diesen harmlosen 8 Buchstaben verbirgt, scheint etwas Dunkles, etwas Grausames, etwas Böses zu sein. Vielleicht sogar das URBÖSE. Der P-Dämon findet sich in der Eltern-Mythologie immer da, wo sich Eltern von älteren Kindern mit müden, sich über den T-Dämon beschwerenden Kleinkind-Eltern unterhalten. Der T-Dämon, bekannt als „Trotzphase“, scheint für die Kleinkind-Eltern anstrengend, kräftezehrend und zermürbend zu sein. Doch statt aufbauende Worte oder gar Trost bekommen sie von erfahreneren Eltern einen Zauberbann auferlegt, dessen Worte schon tausende und abertausende Generationen vor ihnen aussprachen:

„Warte nur, bis die in die Pubertät kommen!“

Pubertät Engelchen Teufelchen
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Statt zu sagen, dass alles gut oder zumindest besser wird, wird von zuknallenden Türen, von schweigenden Söhnen, von hysterischen Töchtern berichtet. Es wird mit gedämpfter Stimme über den Aufmupf, den Ichhassedich, den Hättestdumichnurniegeboren und den Ausrast gesprochen. Die Eltern der Kleinkinder, die bis eben noch der Überzeugung waren, dass der Bodenwerf, der Strampel, der Isswillniss oder der gefürchtete Neinneinnein die Wurzel allen Übels wäre, bekommen vor Angst schreckensweite Augen und das Gefühl nie endenwollender Eiseskälte kriecht ihnen über den Rücken.

Warum machen Eltern Eltern so gerne Angst?

Es scheint ein menschliches, nicht abzustellenden Ding zu sein, dass man anderen Eltern von Anfang an statt Trost zu spenden lieber Angst macht. Ich habe das nie verstanden. Was genau hat es damit auf sich? Ist das – um bei der dämonischen Wortwahl zu bleiben – eine Art von „den Teufel mit dem Belzebub austreiben“? Ist das am Ende nett gemeint und will nur sagen „Hey, stress dich nicht, alles ist okay, so schlimm ist das gar nicht?“. Falls ja, und das glaube ich nicht, kommt das wirklich überhaupt nicht so an. An kommt nur, dass alles sowieso egal ist, weil es immer und immer und immer schlimmer werden wird. Bis die Kinder ausziehen. Und auch dann wird es sicher immer noch schlimmer. Bis wir sterben. Und auch dann wird es sicher immer noch schlimmer. Ist es das, was Eltern von Teenagern oder erwachsenen Kindern einem mit auf den Eltern-Weg geben wollen? Wirklich?

Die Pubertät und der Weg dahin

Sind wir mal ehrlich: Niemand von uns, die wir jetzt in den 20ern oder 30ern oder 40ern sind, hat wirklich seine eigene Pubertät vergessen. Unsere Eltern oder älteren Verwandten lassen uns diese Zeit, sollten wir sie tatsächlich nicht mehr konkret vor Augen haben, nie nie niemals vergessen. Ich selbst erinnere mich sehr gut an all die Phasen, die Verwirrung, die Streits und Miss-Gefühle. Erinnere mich daran, wie ich mich fühlte, wie unverstanden ich mir vorkam, wie allein und verloren ich mich oft wähnte. An diese Zeit muss man niemanden erinnern. Also warum wird das P-Wort dann immer und bei jeder sich bietenden Gelegenheit als unheilverkündendes Damoklesschwert über die Köpfe von armen Jung-Eltern getackert? Die Kinder sind kaum in der Grundschule, da hängt schon die komplette Wohnungsdecke voller Schwerter, die einem täglich verdeutlichen, wie nah der drohende Dämon schon ist.

Schadenfreude als Kraftspender

Ich weiß, dass es Phasen im Leben von Kindern gibt, die an die Nerven gehen und Kraft rauben. Jeder, der Kinder (in egal welchem Alter) hat, weiß das. Doch ich finde, und darüber schrieben viele Kolleginnen und Kollegen und ich schon mehrfach, man sollte diese Phasen nicht als Angstschürer nutzen, um sich selbst in dem Moment stärker zu fühlen. Schadenfreude unter Eltern ist ein weitverbreitetes Übel, das ich noch nie nachvollziehen konnte. Aber statt mit einer noch kommenden Phase zu drohnen, könnte man das gestresste und vielleicht sogar verzweifelte Gegenüber daran erinnern, wie schön die Zeit mit kleinen Kindern doch ist und dass sie nicht ewig klein und anhänglich sein werden. Man sollte diesen Eltern helfen, wieder das Gute und Schöne zu sehen. Sie daran erinnern, dass die Zeit vergänglich ist und die Kleinen bald große, unabhängige Menschen sein werden. Ich wünsche mir, dass man nicht daraus Freude und Kraft bezieht, anderen Eltern Angst zu machen und Mut zu nehmen. Das ist unfair und hilft nicht weiter. Denn so wird nicht nur verdeutlicht, dass es immer nur schlimmer kommt – es wird einem auch das Gefühl gegeben, dass man mit seinen aktuellen Sorgen und Nöten überhaupt nicht wahr- und ernstgenommen wird.

Die eignenen Dämonen austreiben

Und sollten sich alle Eltern, die immer mit dem bösen P-Wort hausieren gehen und überall Schwerter an fremde Decken nageln, lieber mal fragen, woher dieser unstillbare Durst nach Schadenfreude kommt – und ihn austreiben. Alles kommt zu seiner Zeit. Und alles ist genau in DIESEM Moment wichtig. Eltern sollten sich ernstnehmen, gegenseitig aufbauen und ermuntern und sich nicht mit böse funkelnden Blicken in den Wahnsinn treiben. Und wenn die einzige Freude darin besteht, anderen Eltern mit Dämonen Angst zu machen, dann schwebt über einem selbst vielleicht auch nur eine ganz andere Art des Schwertes…

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