Eltern und Kinder ·Erziehung

Das „Pubertier“ in mir – Gedanken einer Mutter

Ich bin 37 Jahre alt und längst kein Teenager mehr. Ich bin Frau, Ehefrau und Mutter von zwei Noch-nicht-Teenagern und habe kaum noch bis fast keine Berührungen mit jungen Menschen in diesem Alter und finde das beliebte Wort „Pubertier“ einfach schrecklich. Ich lese viel von Eltern, von Erwachsenen, von Lehrern zu diesem mir als Mutter ja noch unbekannten Lebensabschnitt. Und ich muss sagen – und ich nehme mir die Frechheit der Noch-nicht-Teenie-Mutter heraus – dass mich oft erschreckt, was ich dazu lese und höre. Aber nicht, weil die Jugendlichen so schlimm sind…

Pubertier
by pixabay.de

Alles geschieht zum ersten Mal

Meine Pubertät ist ca. 20 Jahre her. Aber ich fühle mich, als wäre es erst gestern gewesen, als ich es zum ersten Mal spürte. Zum ersten Mal merkte, dass da mehr in mir ist. Da da mehr aus mir heraus will. Ich erinnere mich an die ersten zarten Gefühle für einen anderen Menschen, die über Grundschulliebe hinausgingen – und die innerhalb kürzester Zeit zu einem unerklärbaren und gewaltigen Berg heranwuchsen. Ich erinnere mich an die Begeisterung, die ich plötzlich für Dinge hatte, die mich noch ein paar Monate vorher überhaupt nicht interessiert hatten. Ich weiß noch, wie intensiv ich mich mit meiner besten Freundin verbunden fühlte, weil wir gemeinsam all diese ersten Mal erlebten und nicht einzuordnen wussten. Alles geschieht irgendwann im Leben zum ersten Mal. In diesem Alter hat man die ersten Male der Kindheit schon hinter sich gebracht, man lernte laufen, sprechen und mehr und mehr selbstständig werden. Und dann ist der Punkt gekommen, an dem man zum ersten Mal fühlt, wie es wohl ist, erwachsen zu sein.

Erinnert ihr euch nicht?

Ich weiß noch, wie ich mich fühlte, wenn sich in einem Moment alles von wundervoll und atemberaubend begeisternd zu unglaublich traurig und allumfassend dunkel änderte. Wie ich eben noch singend und voller Spaß Poster meiner Lieblingsstars an die Wand pinnte und das falsche Lied im Radio mich an meine tiefe aber unerwiderte Liebe zu einem Mitschüler erinnerte und alles in mir zu zerplatzen drohte. Ich weiß noch, wie ich mich fühlte, wenn ich ganz in meinen Leidenschaften aufging und ich mir sicher war zu wissen, was ich aus meinem Leben machen wollte. Erinnert ihr euch daran? Und erinnert ihr euch daran, wie es dann war, wenn euch ein Erwachsener all diese Intensität an Gefühlen und Träumen mit nur ein paar wenigen Worten aberkennen und zerstören wollte – und konnte?

Warte mal ab, in ein paar Wochen lachst du darüber.

Wenn du erwachsen bist, hast du ganz andere Probleme.

In deinem Alter weißt du noch gar nicht, was Liebe ist.

Diese Art von Sätzen meine ich – und ich glaube, jeder von uns hat sie in der ein oder anderen Variante von jemandem aus der Familie oder aus dem Bekanntenkreis zu hören bekommen. Und ich habe mir damals geschworen, dass ich sowas nie zu meinen Kindern sagen werde.

Alle Gefühle haben ihre Daseinsberechtigung!

Liebe, Hass, Wut, Begeisterung, Angst und Sorge! All das wechselt in diesem Alter so schnell, dass einem schwindlig wird. Alles ist intensiv, wie unter Drogen, alles ist neu und verwirrend. Aber alles ist echt. Die erste Liebe ist also keine echte Liebe? Und deswegen ist auch der Schmerz nicht so schlimm? Die Wünsche und Träume fürs weitere Leben sind nur jugendliche Spinnereien? Die Begeisterung für Dinge nicht wichtig? Doch! Jedes einzelne Gefühl ist echt, real und hat seine Berechtigung! Die erste Liebe ist echt, denn sie ist die einzige, die man kennt. Jede spätere Liebe wird vielleicht anders werden, aber vielleicht sogar nie mehr so intensiv. Man muss als Erwachsener nicht mehr alles nachempfinden können und ich habe Verständnis dafür, dass man „ganz andere“ Probleme hat im Leben als ein 15 Jahre altes Mädchen oder ein 13 Jahre alter Junge. Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass man jemandem die Wichtigkeit seiner Gefühle abspricht und sie mit dem Stempel „Pubertier“ abtut.

***

Ich bin mir sicher, dass diese Zeiten schwer, anstrengend und kompliziert werden und einem sehr viel abverlangen. Aber wir müssen unsere Kinder ernstnehmen. Mit all ihren überschäumenden Gefühlseindrücken und Ausbrüchen. Wir müssen einfach den Zugang zu unserem inneren Teenager wiederfinden, wenn wir ihn verloren haben. Mein Wunsch für meine Kinder ist, dass ich ihnen niemals von oben herab ihre Gefühle absprechen werde in diesen Momenten und es immer schaffen kann, Platz für Verständnis in meinem eigenen Leben zu schaffen, so wie es meine Mutter geschafft hat. Egal, wie schwer das eigene Leben auch gerade verlaufen mag. Nennt mich naiv. Sagt, dass ich noch gut reden habe. Aber ich habe es fest vor! Von Herzen!

(Einen wundervollen Text hierzu – aber vor allem auch über Mobbing unter Teenagern und zum Umgang damit durch die Eltern – hat Anna von Berlin Mitte Mom hier geschrieben! Unbedingt lesen!)

 

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