Eltern und Kinder ·Erziehung

Ein Kindergartentag ist harte Arbeit

Habt ihr euch schon mal Gedanken gemacht, was eure Kinder an einem Kindergartentag so alles leisten? Ich ehrlich gesagt nicht. Nicht so ausführlich. Dabei habe ich ja schon das zweite Kindergartenkind. Was zu einem solchen Tag eigentlich alles gehört und was die Kinder täglich für Situationen meistern, durfte ich an unserem letzten Elternabend in der Einrichtung erfahren. Die Erzieher verdeutlichten anhand verschiedener alltäglicher Stationen, was von den Kleinen so alles gefordert, aber auch gefördert wird. Und ich fand die Art und Weise unglaublich interessant.

Die Bring-Situation

Da wäre zum Beispiel gleich zu Anfang die Bring-Situation. Für uns als Eltern, wenn das Kind nicht gerade ein Trennungsangst-Kind ist, nichts Besonderes. Aber hier fängt die Arbeit für die Kleinen schon an. Sie kommen meist in schon bestehende Spiele und Freundeskreise hinein, wenn sie nicht die Ersten am Tag sind. Das heißt, es muss entschieden werden, was wo mit wem gespielt werden soll, die Lage muss sondiert werden und dann muss das Kind auch noch versuchen, sich in bestehende Spielmomente einbinden zu lassen. Wobei man sehen muss, dass schon die Entscheidung für das WAS anstrengend sein kann.

Die Frühstücks-Situation

In unserer Einrichtung, die nach einem offenen Konzept mit über 60 Kindern funktioniert, ist das Frühstück als eine Art Büffet geregelt. Das heißt, an jedem Kindergartentag muss das Kind entscheiden, was es isst, wo es isst, es muss selbstständig den richtigen Teller für Müsli oder Brot finden, seinen persönlichen (markierten) Becher suchen und für die angemessene Portion sorgen. Hier sprechen wir natürlich für den Ü3-Bereich, aber auch für Ü3-Kinder ist es eine Herausforderung, ihr Brot mit Butter zu bestreichen und die richtige Menge an Belag zu nehmen.

Die Garderoben-Situation

Wenn das Ankommen und das Frühstück bewältigt sind, geht es schon zur nächsten Kindergartentag-Challenge: Die Um- und Anziehsituation an der Garderobe. Auch das klingt für uns Erwachsene profan, aber für Kinder ist auch das mehr als nur Klamottenwechsel. Viele Fragen tun sich hier auf.
Wo ist mein Platz?Ist das meine Jacke/Schuhe/Mütze?
WO ist meine Jacke/Schuhe/Mütze?
Was ziehe ich an?
Wie ziehe ich es an?
Was ziehe ich zuerst an?
Viele Entscheidungen stehen an. Zuerst die Schuhe? Die Gummistiefel? Und dann die Matschhose? Oder umgekehrt? Die Erzieher entscheiden und sagen an, was an welchem Tag angezogen werden muss. Je nach Wetterlage natürlich. Die Kinder müssen diese Entscheidung akzeptieren, was auch nicht immer leicht ist, vor allem in den nicht so schönen Jahreszeiten. Dann muss das Kind es entweder schaffen, sich ganz eigenständig anzuziehen, oder – was auch sehr schwer ist – die Geduld aufbringen, auf den nächsten freien Erzieher oder die Erzieherin zu warten. Eine Höchstleistung der Kleinen.

Die Freispiel-Situation

Egal, ob Garten oder Bauzimmer, ob Rollenspielraum oder Malecke – die Kinder sind den ganzen Kindergartentag lang damit beschäftigt, Entscheidungen zu treffen. Je größer das Angebot, desto schwerer die Entscheidung für oder wider. Das Freispiel bedarf einer großen Menge an Entscheidungskompetenz und konfrontiert die Kinder auch immer wieder mit ihren Freunden und Kindergarten-Kollegen. Konflikte entstehen. Streits müssen ausgetragen werden. „Reviere“ abgesteckt werden. Und das jeden Tag aufs Neue. Harte Arbeit für Kinder, die zu Hause meist die alleinigen Chefs in ihren eigenen Reichen sind.

Ein Kindergartentag fordert und fördert die Kinder

Sicher gibt es noch unzählige Situationen wie die, die ich als Beispiele aufführte. Toilettengänge, aufräumen, das Spielen im Garten… Aber sie verdeutlichen, warum Kinder, die halb- oder ganztags in kleinen, mittleren oder großen Einrichtungen betreut werden, abends oder nachmittags so oft müde und quengelig sind. Für sie, vor allem für die Kleineren, ist so ein Kindergartentag ein Arbeitstag mit all seinen Entscheidungen und Stress-Situationen, mit allen Anforderungen an Kompetenz und Aufmerksamkeit, mit allen Konflikten und Kompromissen. Aber in all diesen Momenten wird das Kind nicht nur gefordert. Es wird immer auch gefördert. Es lernt viele kleine und große Dinge. Sich alleine anziehen. Eigene Wünsche zu erkennen. Zwischenmenschliches. Geduld. Kommunikation. Die Großen helfen den Kleinen. Alle achten auf Regeln. Die Erzieher leisten hier schon in kleinen Momenten große Hilfe und fördern in scheinbar unwichtigen Situationen wichtige Dinge.

Wenn wir also nächstes Mal denken, dass das Kind doch den ganzen Tag gespielt hat, dann sollten wir kurz darüber nachdenken, was dieses „Spielen“ für die kleinen Menschen eigentlich heißt, die in ihrem Leben noch nichts über die für uns vollkommen normalen Alltags-Situationen gelernt haben. Und dass die normalsten Momente für kleine Kinder harte Arbeit sein können. In unserem Haus sind über 60 Kinder. Wenn man täglich mit über 60 Menschen über viele Stunden (Ganztagskinder von 7:30-17 Uhr!) all diese Situationen meistern muss, dann ist das wirklich, wirklich anstrengend. Es ist schön, ein Kindergartenkind zu sein. Aber auch harte Arbeit.

 

 

5 Gedanken zu „Ein Kindergartentag ist harte Arbeit

  1. Oja, für die Kinder ist so ein Kindergarten-Tag ganz schön stressig. Das Wochenende haben sie sich jetzt verdient. Mir fehlt in unserem Kindergarten so ein bisschen ein Rückzugs- und Entspannungsraum. Es wäre für die Kinder schön einen Ruhe-Raum zu haben, in den sie sich zurück ziehen können wenn es ihnen zu viel wird.

    Liebe Grüße,
    Ella

  2. Wir sind gerade in der Eingewöhnung, auch da merkt man schon, wie schwer das für die Kleinen ist, sich plötzlich mit so vielen Eindrücken auseinander setzen zu müssen. Wir haben uns daher entschlossen abseits von irgendwelchen Berliner oder Münchner Modellen einzugewöhnen.

    LG
    Tascha

  3. Unser Großer ist nun seit September im Kindergarten und wenn wir ihn Mittags abholen oft so kaputt, dass er die 150 Meter bis zum Auto kaum noch schafft. Für uns klingt das Spielen im ersten Moment nach purer Entspannung, aber für die Kinder ist es vermutlich wirklich harte Arbeit. Auch die ganzen Eindrücke, die sie mitbekommen, den Umgang mit anderen Menschen. Auch das muss verarbeitet werden und ja, das ist in der Tat Arbeit für sie.
    Was wir auf jeden Fall merken ist die Veränderung des Nachwuchses. Er lernt so viel dort und wir sind so froh darüber.

  4. Bei uns in der Kita wird deswegen auch darum gebeten, dass die Kinder auch Urlaub machen und man sie zwischendurch mal rausnimmt. Ist sehr sinnvoll!

    1. Das finde ich auch sehr sinnvoll! Gerade bei den ganz Kleinen sehe ich da echt Probleme. Schon hart, so viele Stunden so viel Energie aufbringen zu müssen…

      Liebe Grüße,
      Katja

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