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Generation Dingenskirchen – früher war alles besser

Früher war alles besser. Wer kennt nicht diese vier berühmten Worte. Und, Hand aufs Herz, wer hat sie nicht auch schon gesagt oder zumindest gedacht? Früher war alles leichter, freier, einfacher, gerechter, das Wetter war besser und überhaupt liefen die Menschen auf rosa Wolken einander herzend durchs Leben und atmeten die frische Luft des Paradieses ein. Oder so.

Generation
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Generation Dingenskirchen

Mir fällt schon lange dieses Einteilen in Generationen auf, dieses Namengeben, dieses Urteilen. Generation Golf. Generation X. Generation Y. Millenials. Generation Z. Digital Natives. Ich finde diese Einteilungen immer etwas bedenklich, weil das so pauschalisierend ist und hunderte junge und nicht mehr so junge Menschen in eine große seltsame Schublade packt. Und damit irgendwie herabsetzt. Klar haben Generationen immer einen gemeinsamen Nenner. Ich gehöre zur Generation Y, hatte eine Kindheit ohne Handy und Internet, kam aber genau in dessen Genuss in meiner Jugend. Ich spielte auf der Straße, machte mich dreckig, streifte ohne Überwachung mit meinen Freunden schon im Grundschulalter stundenlang durch die Gegend und kam nach Hause, als es dunkel wurde. Meine Generation brüstet sich immer gerne damit, dass sie keine Kindersitze im Auto hatte – ich hatte aber einen. Er war orange und fühlte sich toll an. Weiß ich noch. Jede Generation hat so ihr Alleinstellungsmerkmal. Aber macht das jetzt einen bestimmten Jahrgang besser als den letzten? Oder schlechter?

Die Jugend von heute

Die „Jugend von heute“ ist auch so eine Aussage. Die man übrigens ganz sicher Jahrhunderte zurückverfolgen kann. Denn irgendeine Jugend ist immer ‚heute‘ und die aktuelle Jugend ist immer irgendwie anders als die vorherige. Zumindest aus der Sicht der aktuellen Nichtmehrjugend. Die Jugend von heute also lebt nur noch online. Sie hängt nur noch am Smartphone. Stylt sich übertrieben für die 147385 Selfies, die jeden Tag und bei jeder Gelegenheit online hochgeladen werden. Müssen. Ist oberflächlich. Verlernt zu schreiben und zu sprechen. Kommuniziert nur noch virtuell und mit Emojis. Und erst die Kindheit von heute, die kann man total vergessen! Diese Weicheier, die überbehütet sogar zum Klo gefahren werden und die noch nie die Freiheit und den Spaß der tollen Generation Y erleben durften. Meine Kindheit war viel besser als die meiner Kinder! Und weil die so toll war, machen wir Y’s auch alles anders als in den 1980ern. Weil wir es unseren Kindern mal so richtig verderben wollen!!!111!!!!einself!!

Entwertung von Generationen

Sicher sind einem die Umgangsformen der jüngeren Menschen immer etwas fremd. Und in einem Zeitalter, in dem sich Technik, Wissenschaft und die ganzen Medien samt WWW so rasant entwickeln, ist man schneller oldschool und gehört fixer zum alten Eisen, als man I BIMS sagen kann. Aber warum ist es so, dass man die „Jugend von heute“ bedauert? Warum sollte sie einem leidtun? Mit diesen Reden à la „Früher machten wir aber…“ und „Früher mussten wir nicht…“ und „Wir waren frei und glücklich“ entwertet man das Leben und den Alltag von so vielen jungen Menschen. Warum sollte ihre Kindheit und Jugend schlechter sein als unsere? Warum unglücklicher und gezwungener? Klar waren wir Kinder der 70er und 80er frei und wild, dreckig und nicht so behütet wie unsere Kinder heute. Aber die Generation meiner Eltern sagte sicher Dinge wie „Früher hatten wir keinen Fernseher und beschäftigten uns ganz prima alleine“ oder „Als ich so alt war wie du, haben wir nicht dieses ganze Plastikspielzeug gehabt und brauchten noch Phantasie.“ Von den Kriegsgenerationen ganz zu schweigen.

Generation Roboto lacht über die 2018er Teenager

Nur, weil Kinder schon mit Tablets, Alexas, Siris und Smartphones aufwachsen, müssen keine unempathischen, phantasielosen, kleine Soziopathen aus ihnen werden. Auch müssen Teenager, die sich gerne für Instagram, Snapchat und Co. stylen und darstellen, keine unglücklicheren Menschen als wir werden. Jede Generation hat ihre Stärken und Schwächen. Hat durch Fortschritt, Wohlstand und bessere, schnellere Technik mehr Möglichkeiten, aber auch größere Gefahren. Und vielleicht definiert sich jede Generation ihr Glück und ihre Freiheit auf eine ganz andere, für ältere Generationen nicht mehr nachvollziehbare Weise? Und wer weiß schon, was die nächste und übernächste Generation von den heutigen Kindern und Jugendlichen zu hören kriegt? „Zu meiner Zeit waren wir noch zusammen unterwegs, reallife, um gemeinsam Bilder zu machen“ oder „Als ich so alt war wie du, gab es noch keine Robotos, die einen unterrichteten, während man im Bett lag! Wir mussten noch von unseren Eltern mit Autos in Schulen gefahren werden! Bei Wind und Wetter!“.

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Also sollten wir die Jugend von heute nicht immer nur bedauern, sondern sie ihren Spaß haben lassen. Egal, wie fremd, seltsam und anders der im Gegensatz zu unserer ganz eigenen Auffassung von Spaß auch aussehen mag. Wir haben nicht das Recht zu urteilen. Wir haben nur die Aufgabe, ein Auge auf unsere Kinder zu haben und darauf zu achten, dass sie ohne allzuviele Verletzungen groß werden können. Um dann alles anders zu machen als wir heutigen Erwachsenen.

 

2 Gedanken zu „Generation Dingenskirchen – früher war alles besser

  1. Dear Katja,

    was viele in ihrem „Früher war alles besser“ und vor allem “ Wir hatten (…)nicht und haben es auch überlebt!“ übersehen:
    Früher war aber auch vieles gefährlicher(ohne Autositze oder Gurt z.B.)oder gesundheitsschädlicher(ohne Prüfsiegel etc.)und es war quasi reine Glücksache, dass wir da ohne Schäden, gesundheitliche Beeinträchtigungen und schweren Unfällen davon gekommen sind! GERADE wir Kinder der 70 er und 80er, als immer mehr Familien ein eigenes Auto hatten und es immer mehr Plastikspielzeug gab!
    Klar gab es auch viele positive Sachen in unseren Augen: es gab noch keine Ablenkungen durch gefühlte 100000000 Fernsehprogramme, Computer etc.und wir waren fast den ganzen Tag draußen(obwohl ich auch viel gelesen habe), mit Freunden oder alleine. Wir sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule und hatten früh Schluß(dafür aber alle 14 Tage noch samstags Unterricht).

    Wie Du schon geschrieben hast: in jeder Generation gab es seine vor und Nachteile, Entbehrungen aber auch „viel frische Luft“.

    LG Silke

    1. Genau das sage ich auch immer! Diejenigen, die sagen „Das hat uns auch nicht geschadet“ sind die, die es überlebt haben. Alle anderen können schließlich nichts mehr dazu sagen… Alles hatte und hat seine Sonnen- und Schattenseiten. Das sehe ich ganz genauso. Aber „früher“ wird eben immer verklärt. Das ist vielleicht oft auch gut so…

      Liebe Grüße!

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