Aufreger des Tages ·Eltern und Kinder ·Erziehung

Helikopter-Eltern sind das personifizierte Böse

Mein persönliches Unwort der letzten Jahre ist definitiv „Helikopter-Eltern“. Der arme Hubschrauber, der ja eigentlich überhaupt nichts für nichts kann, wird hier für etwas missbraucht, was grundsätzlich nichts ist, worüber man sich derart aufregen sollte, wie es die lieben Medien tun. Und ich kann es wirklich nicht mehr hören! Ich möchte den Artikel, der mich mal wieder „wie die Pest“ genervt hat, gar nicht verlinken, aber die Ankündigung war „Warum Helikopter-Eltern die Pest sind“. Really? Warum solche Überschriften und Artikel die Pest sind, möchte ich hier gerne erläutern.

Helikopter-Eltern
by pixabay.de

 

Die Helikopter-Eltern sind das Übel des Jahrtausends

Helikopter-Eltern umkreisen ihren Nachwuchs. Legen sich mit Lehrern an, überwachen ihre Kinder und sind immer und überall zur Stelle. Sie haben kiloweise Watte in ihren Taschen, um die Brut jederzeit hineinzupacken oder schon abgenutzte Watte auszuwechseln. Sie machen die Aufgaben ihrer Kinder, wissen jederzeit alles genau über sie und lassen ihnen kaum Platz zum Atmen. Ihre Kinder sind für sie einfach das Wichtigste auf der Welt und genau das zeigen sie auch. Sie überwachen Erzieher, lauschen an Kita-Türen, fahren ihre Kinder bis vor die Klassentür und wollen jederzeit wissen, was die Kinder wie und wieviel von welchem Essen essen. Kurz: Sie sind ätzende Monster, die eine ätzende Monster-Brut großziehen, die niemals selbstständig wird und außer Selbstverliebtheit nichts auf die Reihe kriegt. Unser Land ist verloren und es wird immer schlimmer. Wo soll das alles nur hinführen?

Die falschen Bösen

Kaum vergeht ein Tag, an dem ich keinen Artikel eines Möchtegern-Pädagogen oder Nicht-Elternteils lese, in dem übelst über das Übel der Menscheit herzgezogen wird. Und das ärgert mich so über alle Maßen! Sind sich all diese Menschen eigentlich darüber im Klaren, dass es Kinder gibt, die Hunger leiden? Die regelmäßig sexueller, körperlicher und/oder emotionaler Misshandlung ausgesetzt sind? Dass es Eltern gibt, die ihre Kinder derartig vernachlässigen, dass wir uns das in unseren schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen können? Dass jeden Tag Kindern auf dieser Welt Dinge zustoßen, die ich nicht in Worte fassen kann? Kinder, die verhungern, auf Müllkippen leben, sich prostituieren müssen – aber auch Kinder in unserem Land, die mit Prügel aufwachsen und keine liebe- und sorgenvollen Eltern haben, die sie durchs Leben begleiten wollen? Sicher übertreiben es Eltern manchmal in ihrer Fürsorge. Mag sein. Aber diese Eltern sind nicht das Problem.

Sich kümmern sollte niemals schlecht sein

Klar ist es anstrengend, wenn man als Lehrer immer Eltern auf der Matte stehen hat, die meinen, alles besser zu wissen und einem ins Handwerk pfuschen wollen. Aber wisst ihr, wie viel in den Schulen heute schiefläuft? Wisst ihr, wie oft man als Eltern hinter den Kindern stehen muss, weil sonst sehr viel Ungerechtigkeit und Fehler passieren? Bestimmt ist es nervig, wenn man als Erzieher ständig Eltern hinter sich weiß, die überwachen und alles ganz genau wissen wollen. Aber wisst ihr, wie viele unschöne Dinge hinter geschlossenen Türen in der Fremdbetreuung passieren und wie es ist, wenn das eigene Kind bitterlich weint und man nie genau weiß, warum? Ich sprach schon in meinem Artikel Unsere Kinder, unsere Entscheidung – ein Plädoyer gegen das Einmischen darüber, dass jedes Kind anders ist und jedes Kind eine andere Art des Kümmerns braucht – und genau das die Eltern sicher besser wissen als fremde Menschen, die gerne in die Tasten hauen oder Meister der Theorie sind. Manchmal ist es zu viel des Guten. Bestimmt. Gebe ich zu. Aber ganz ehrlich, mir fehlen oft wirklich die Worte bei der Art und der Wortwahl, wie über sich kümmernde Eltern geschrieben und gesprochen wird. Eben las ich einen Kommentar, in dem stand, dass „diese Eltern das Schlimmste sind, was man einem Kind wünschen kann“. So schlimm wie eine Krankheit, die auf quälendste Art und Weise Millionen von Menschenleben ausgerottet hat im Laufe der Menschheitsgeschichte? Mindestens.

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Ich gebe zu, ich bin ziemlich hubschrauberisch. Übertreibe manchmal. Aber ich sorge mich eben. Bestimmt tut man seinen Kindern oft keinen Gefallen, wenn man sie zu sehr von allem abschirmt. Vielleicht werden sie auch etwas später selbstständig. Vielleicht ist man früher öfter von Bäumen gefallen, hat sich viel dreckiger gemacht und hat hin und wieder giftige Beeren gegessen. Sicher ist man früher auch ohne Helm Rad gefahren, ohne Kindersitz im Auto gesessen oder ist ohne Handy auch beim Turnen oder der besten Freundin angekommen. Ganz sicher ist man auch ohne die ständige Überwachung durch die Eltern halbwegs durch die Kindergarten- und Schulzeit gekommen. Aber bevor man Eltern mit tödlichen Krankheiten vergleicht oder sie darstellt, als würden sie ihre Kinder täglich misshandeln, sollte man mal darüber nachdenken, warum das heute anders ist als früher. Warum gerade die Generation, die ach so frei und unbeschwert aufgewachsen ist, heute ihre Kinder vor der Welt beschützen möchte. Und ich kann aus Erfahrung sagen – von der unbeschwerten, unbehubschrauberten 80er-Generation sind mehr Männer und Frauen in Therapien und leiden unter psychischen Krankheiten, als man meint. Also SO toll war „damals“ offenbar auch nicht alles…

5 Gedanken zu „Helikopter-Eltern sind das personifizierte Böse

  1. Danke!!! Danke für deine absolut treffenden Worte!! Mir platzt bei dem Thema auch regelmäßig die Hutschnur und ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich den genannten Hetz-Artikel nicht gelesen habe und auch nicht lesen werde.
    Dieses Urteilen über andere kotzt mich soooooo an…
    Also danke, mal wieder, für deine Worte.

    LG Sandy

    1. Heeeeeeey!
      Gerade hab ich Helipause und antworte dir mal! 😀
      Spaß beiseite. Ich werde halt auch stinksauer und verstehe nicht mehr ganz, worum es den Leuten überhaupt geht. Klar übertreibt es der ein oder andere. Bestimmt. Aber ich frage mich halt immer, warum gerade wir, die doch so locker und sorglos aufgewachsen sind, es bei unseren Kindern anders machen wollen. Das hat ja sicher seine Gründe. Und auch die jungen Erwachsenen, die heute (scheinbar in Scharen, was mir noch nie an der Uni begegnet ist…) von ihren Eltern noch länger begleitet werden – ja und? Früher hieß es halt „Stell dich nicht so an, du bist alt genug“ und dann hat der junge Mensch es halt verkackt, weil er es eben doch noch nicht konnte. Ich finde nichts schlimm daran. Man muss nicht jeden um jeden Preis und überall ins kalte Wasser werfen und hoffen, dass er was davon fürs Leben lernt. Komplett übertreiben muss man es sicher nicht – aber eben auch nicht derartig verurteilen… Ätzend. Also danke, mal wieder, für deinen Kommentar <3

  2. Seit ich Mama bin höre ich dieses Wort helekopter Mama immer wieder, zuletzt heute im Radio. Ich stimme dir zu, dass es echt schlimmeres gibt als Eltern die sich sorgen, wenigstens interessiert die Eltern was ihre Kinder tun und sie werden abgöttisch geliebt. Somit ist diese Bezeichnung auch in meinen Augen völlig übertrieben und ich verstehe auch echt nicht wo das auf einmal herkommt. Ich bin lieber eine Helikopter Mama, als eine Mama die sich nicht für ihr Kind interessiert. Wie du schon sagst, man sollte mal lieber mal seine Aufmerksamkeit den Kindern widmen die nicht so gut dran sind.

    1. Hallo Saskia!
      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese „Helikopter-Eltern“ sehr interessiert sind und sich informieren und alles gut machen wollen. Sicher schießen sie damit auch öfter übers Ziel hinaus, bestimmt. Aber sie als Pest oder das Schlimmste oder so zu betiteln, finde ich sehr krass. Wir haben in den letzten Jahren einen großen Umbruch im „Erziehen“, jeder versucht es auf seine eigene Art, jeder löst sich von dem, was früher war. Das klappt nicht immer reibungslos – aber bestimmt hat jeder seine Gründe dafür. Vielen Dank für deinen Kommentar <3

  3. Ich bin ein Helikopter und ich steh dazu. Ich packe in Watte und bin überall dabei, wenn der Kuschel es wünscht. Ich verteidige,nehme in Schutz und reiß mir sämtliche Gliedmaßen aus. Ich gehe immer wieder über meine Grenzen für das wunderbare Kind. Mittlerweile sagt er schon, wenn er mich nicht braucht und damit kann ich gut leben. Hauptsache, er weiß ich bin da und stehe vor, zu und hinter ihm, weil er mein Liebstes ist. Meine Eltern hat es selten interessiert, was ich gemacht habe und das enttäuscht mich bis heute.

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