Eltern und Kinder

Hungrige Töchter – Meine Essstörung und meine Sorgen deswegen

Ich bin eine Mutter mit zwei Töchtern. Noch sind sie klein und süß und unsere größten Sorgen sind Kinderkrankheiten und der Nachhauseweg vom Kindergarten. Aber bald werden sie zwei Teenager sein. Und sie werden sich und ihre Umwelt mit anderen Augen wahrnehmen. Und wenn ich daran denke, läuft es mir jetzt schon eiskalt den Rücken herunter…

Essstörung
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Ich habe eine Essstörung. Ich litt unter Anorexie, als ich etwa 16 Jahre alt war und bis heute habe ich mich durch bulimische und anorektische Phasen hindurchschlagen müssen, ohne den Grundgedanken und die Ängste dieser Krankheit je ganz losgeworden zu sein. Das Essen und ich haben ein sehr schwieriges und instabiles Verhältnis, das immer etwas auf der Kippe steht, ab und an wankt – aber im Großen und Ganzen als sowas wie „okay“ zu bezeichnen ist. Warum das so ist?

Weil ich weiß, was ich vor allem meiner Mutter damals ungewollt angetan habe. Weil ich weiß, wie schlecht und unnormal es ist. Aber erst, seit ich selbst Kinder – und dann auch noch zwei Mädchen – habe, erfassen Kopf und Herz richtig, was diese Zeiten damals für meine Eltern bedeutet haben mussten. Warum ich das hier einfach so verblogge? Weil ich mich nicht dafür schäme. Jeder, der mich kennt, weiß um meine Probleme von damals und heute. Ich gehe damit offen um und fordere andere Menschen mit ähnlichen Problemen gerne dazu auf, ebenso offen damit umzugehen. Denn für mich ist diese Art der Problembewältigung das A und O. Ich selbst kenne es nicht anders, als dass ich immer Gefahr laufe, abzurutschen. Essstörungen sind wie alle Süchte – man hat sie ein Leben lang. Mal hat man gute Zeiten und mal weniger gute Momente und immer, immer wird man sich mit den Zwängen auseinandersetzen müssen, die diese Krankheit mit sich bringt. Das ist okay und ich kann mich nicht beklagen. Mein Körper, meine Seele und ich kommen irgendwie klar.

Aber was ist mit meinen Töchtern? Wie kann ich sie davor bewahren, in meine Fußstapfen zu treten? Und was die viel schlimmere Frage ist: Kann ich sie ÜBERHAUPT davor bewahren? Ich frage mich immer und immer wieder, ob meine Mutter damals etwas hätte tun können. Etwas sagen. Machen. Unternehmen. Oder etwas NICHT sagen. NICHT machen. NICHT unternehmen. Aber ich komme auf keinen grünen Zweig. Sie war immer da für mich. Liebte mich. Beschützte mich. Ich habe Therapien hinter mir, die mir ein Stück weit die Augen öffneten, mich aber nicht gesund machen konnten. Und jede Woche lese ich Artikel, in denen der von Klumschen Armeen ausgelöste Magerwahn unserer Teenager angeprangert wird und die mich immer den Kopf schütteln lassen. Der Wunsch nach Weniger-Sein, nach Hunger, nach Körper-Kontrolle ist mehr als „Ich will aussehen wie Giselle Haumichblau“. So viel mehr. Auch wenn das oft der Anfang sein kann. Wenn es doch nur so einfach wäre… Und doch ist es so wenig greifbar, auch weil man den schleichenden Beginn nicht wirklich wahrzunehmen vermag. Meine Mutter hatte es nicht kommen sehen. ICH  habe es nicht kommen sehen. Ich war jung und verletzlich und es ging mir nicht gut. Aber wie vielen jungen Mädchen und Jungen geht es nicht gut in diesem Alter? In dieser Zeit des körperlichen Umbruchs, des „Ich weiß nicht, wohin mit mir!“, der Ängste und Teeniedramen?

Ich möchte meinen Kindern klarmachen, dass sie schön sind. Immer. Und dass sie genauso gut sind, wie sie sind. Ich möchte ihnen mit auf ihren Weg ins Erwachsensein geben, dass nicht immer alles einfach wird und ganz sicher nicht immer gut. Dass es nicht wichtig ist, wie andere Menschen sie beurteilen. Ich möchte sie nehmen und beschützen und ich möchte wachsam jede Handlung, jede Aussage und jede Interessensverschiebung begleiten und überwachen. Ich möchte sie in Watte packen und vor all dem beschützen, was sie da draußen in dieselben Unsicherheiten und Ängste treiben könnte, die mich damals irgendwie, irgendwann gepackt haben mussten. Und vor allem möchte ich, dass sie sich mir anvertrauen…
Doch ich schätze, ich kann das nicht. Ich kann beobachten und hoffen, dass sie es schon schaffen werden. Daumen drücken, dass sie stärker und gefestigter sind als ich damals. Aber ich finde den Gedanken daran, dass auch nur eine der beiden denselben Mist durchmachen muss wie ich, einfach nur und im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen.

Essen sollte etwas Tolles sein. Der Körper sollte nichts sein, womit man sich oder andere bestraft. Es MUSS einfach andere Mittel und Wege geben und ich hoffe von Herzen, dass wir sie finden werden. Und auch wenn ich nichts dafür konnte, würde ich mich so gerne von ganzem Herzen bei meiner Familie für die schrecklichen Ängste um mich entschuldigen. Aber das geht nicht. Und man kann es auch nicht ungeschehen machen. Ich hoffe aber, dass ich meine Kinder durch meine Erfahrungen wenigstens dazu bringen kann, sich mir früher anzuvertrauen und mit mir darüber zu sprechen, sollten sie je ähnliche Gefühle und Probleme entwickeln. Aber ob das klappen wird, steht in den pubertären Sternen…

***

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Als Mütter? Als Töchter? Glaubt ihr, dass es einen guten Weg in die richtige Richtung gibt – oder denkt ihr, dass man einfach nur abwarten und hoffen kann? Eure Erfahrungen und Meinungen würden mich sehr interessieren.

3 Gedanken zu „Hungrige Töchter – Meine Essstörung und meine Sorgen deswegen

  1. Ich war eine Tochter und meine Eltern haben nichts Gravierendes falsch gemacht. Dass ich nicht in eine Drogensucht abgerutscht bin, war wahrscheinlich hauptsächlich Glück.
    Klar haben meine Eltern mit mir über Drogen gesprochen – rückblickend betrachtet sogar im richtigen Maß (nicht zu viel, nicht zu wenig). Und doch, in meiner Teenager-Pubertier-Rebellionszeit gab es einen Abend und eine Nacht, in der ich abgehauen bin. In die nächste Großstadt. Dorthin, wo mir öfter mal auf der Straße was angeboten worden war und ich normalerweise „Nein danke“ sagte.
    In dieser Nacht wurde mir nichts angeboten obwohl ich da mit voller Absicht „Ja gerne“ gesagt hätte … Glück? Schicksal? Doch die Erziehung? Ich tendiere dazu, Glück gehabt zu haben

    1. Vielen Dank für diesen ehrlichen und wichtigen Kommentar. Ich denke wohl auch, dass neben einigen Kleinigkeiten hauptsächlich Glück und Timing eine Hauptrolle spielen. Leider. Ich würde gerne mehr aktiv dafür tun können, die Kinder vor sowas zu bewahren, aber das ist wohl das Leben… Hoffen wir das Beste!

      Liebe Grüße!

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