Eltern und Kinder

Ich als Scheidungskind – und wie ich selbst entscheiden würde

Ich glaube, ich habe diesen Post schon mindestens 8-10 Mal angefangen zu tippen. Und immer wieder gelöscht. Weil ich dem Thema, so wie ich es beschreiben wollte, nie auch nur annähernd gerecht wurde. Heute versuche ich es ein letztes Mal – und wenn auch das nicht klappt, dann sollte es wohl nicht sein.

Wenn ich meine Kinder im Garten spielen sehe, während mein Mann neben ihnen sitzt, mit ihnen Unsinn und Spaß macht, auf sie aufpasst, muss ich daran denken, wie viel Glück die Mädchen haben. Die Maus ist 6 1/2 und das Mäuschen ist gerade 3 Jahre alt geworden. Sie haben eine Mutter und einen Vater, die sich lieben. Und das ist für mich Luxus.

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© Pixabay

Bald wird die Maus eingeschult. In 2 Wochen ist es soweit. Als ICH in der Grundschule war, änderte sich für mich alles. Denn meine Eltern liebten sich nicht mehr. Für mich von heute auf morgen. Für sie… Ich weiß es nicht. Jedenfall ging mein Vater in eine andere Stadt und meine Mutter und ich blieben in unserer Heimat. Ich sah meinen Vater die typischen Besuchszeiten: Alle zwei Wochen am Wochenende. Die Hälfte der Ferien. Ich fühlte mich schuldig. Meine Eltern waren ein Paar, seit sie Teenager waren und nun nicht mehr. Das MUSSTE an mir liegen, soviel stand fest. Und auch, wenn beide mir immer wieder vermittelten, dass dem eben nicht so war, glaubte ich es lange Zeit. Ich war in einer Kindertherapie und der Therapeut half mir und meiner Mutter sehr. Noch heute denke ich liebevoll an ihn zurück. Auch meine Grundschullehrerin war großartig und unterstützte mich in meiner schlimmsten Zeit von ganzem Herzen. Neben meiner Mutter waren meine Großeltern mein wichtigster Zufluchtspunkt. Sie waren mein Heim, mein Ruhepol, mein sicherer Fels in der verwirrenden Brandung meines jungen Lebens.

Die Fakten waren damals einfach: Mein Vater trennte sich von meiner Mutter wegen einer anderen Frau. Vater böse. Mutter nicht. Und ich denke, so wie mir und meiner Mutter damals geht es heute so vielen anderen Müttern und Kindern. Und ich kann auch verstehen, wieso der Vater der Böse und die Mutter das Opfer ist. Aber ich will heute auch die andere Seite aufzeigen.

Meine Eltern trennten sich. Von heute auf morgen hatte ich keine Eltern mehr; ich hatte eine Mutter, bei der ich lebte und ich hatte einen Vater, den ich besuchte. Meine Mutter fühlte sich verraten und verlassen. Ich fühlte mich schuldig. Aber mein Vater – und das weiß ich heute – tat doch das einzige, was er tun konnte. Warum? Weil man nur ein Leben hat. Und wenn man eines Tages begreift, dass das Leben, was man lebt, nicht mehr das Leben ist, was man leben möchte, dann sollte, dann MUSS man das ändern!

Was waren also die Alternativen?
Bleiben, aus Mitleid mit der Ehefrau, die man nicht mehr liebt und aus schlechtem Gewissen dem Kind gegenüber?
Oder gehen und mit der Frau, in die man sich neu verliebt, ein neues Leben beginnen?

Mein Vater wählte die richtige Alternative. Er ging. Und begann ein neues Leben mit der Frau, in die er sich neu verliebt hatte. Und jeder kann glauben, dass das verdammt schwer war. Weil es sicher nicht leicht ist, in allen Augen der Böse in der Geschichte zu sein. In den Augen unserer Familie, unserer Freunde, aber auch in den Augen der Familie der neuen Freundin. Zunächst war alles ein riesengroßer, blutender Scherbenhaufen voller Tränen. Aber nach und nach wurde der Haufen kleiner, geordneter. Die Tränen trockneten und das Blut verblasste. Für mich und meine Mutter war das Leben zu zweit normal geworden. Nicht immer leicht, aber normal. Und sie war und ist die beste Mutter, die man sich als Kind nur wünschen kann. Dann trat mein Stiefvater in unser Leben. Und wieder wurde alles durcheinandergewirbelt. Aber zu einem echten Scherbenhaufen reichte es nicht mehr. Nie mehr.

Im Nachhinein und viele Jahre später kann ich als Scheidungskind sagen: Durch die Entscheidung meines Vaters, alles niederzureißen, einen Scherbenhaufen zu hinterlassen und neu zu starten, meine Mutter dadurch zu verletzen und eine schwere Zeit entstehen zu lassen, konnte etwas Gutes wachsen und neue Chancen taten sich auf. Meine Mutter fand ihr Glück in meinem Stiefvater. Mein Vater seines in meiner Stiefmutter. Ich bekam drei großartige Brüder. Ich bekam, auf lange Sicht betrachtet, nicht nur vier glückliche Eltern, drei Geschwister und zwei neue, tolle Familien dazu (die mich beide damals aufnahmen, als hätte ich schon immer zu ihnen gehört), sondern auch die Gewissheit, dass es manchmal das Richtige ist, das vermeintlich Falsche zu tun.

Eltern, die nur wegen der Kinder zusammenbleiben, tun in meinen Augen nicht nur sich etwas Schlimmes an, sondern – oder vor allem – den Kindern. Denn wenn ich Freunde von mir betrachte, deren Eltern genau das taten, dann weiß ich, dass auf diese Weise alle leiden. Ich als Frau möchte nicht, dass mein Mann nur aus Mitleid oder Pflichtgefühl bei mir ist. Und ich als Tochter möchte nicht, dass mein Vater nur aus schlechtem Gewissen bei einer Frau bleibt, die er nicht mehr liebt. Im schlimmsten Fall leben beide nur nebeneinander her, haben sich nichts mehr zu sagen – oder streiten unablässig. Und das ist es, was den Kindern kein oder nur ein ganz trauriges Bild von Beziehungen vermittelt. Ich selbst durfte erleben, dass meine Eltern beide wieder glücklich wurden. Nicht miteinander, aber doch irgendwie gemeinsam. Und ich hatte, wenn auch etwas später und mit einiger Unterbrechung, das Glück, vorgelebt zu bekommen, wie Beziehungen und Freundschaften funktionieren können und sollten. Und dafür bin ich wirklich dankbar. Und ich würde es nicht anders machen, stünde ich heute vor der Entscheidung, vor der mein Vater damals stand.

 

 

2 Gedanken zu „Ich als Scheidungskind – und wie ich selbst entscheiden würde

  1. Ich glaube, ich hätte es auch wie dein Vater gemacht. Man sollte immer versuchen, die Beziehung zu retten – für seine Familie zu kämpfen! Aber man muss auch mit seinem Leben glücklich sein – nur dann können die Kinder meiner Meinung nach auch eine glückliche Kindheit haben! Außerdem würde ich nie wollen, dass mein Partner nur aus Pflichtgefühl bei mir bleibt. Ich glaube das ist schlechter zu ertragen, als eine freundschaftliche Trennung…

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