Eltern und Kinder

Magie

Feen fliegen auf Mondstrahlen kichernd durch die Welt, verteilen ihren Feenstaub über Zauberblumen und Wunschbäume, während Einhörner auf verwunschenen Wiesen grasen und mit Zauberpusteblumen Wünsche versenden, die der Osterhase und das Christkind noch nicht erfüllt haben… Die Welt einer Fünfjährigen ist voll von ihr. Magie. Doch mit dem fünften Lebensjahr tritt auch das Böse in ihre Welt, in Form der Frage „Gibt es das wirklich?“.

Als Mutter und Vater kommt man unzählige Male im Elternleben an den Punkt, wo man innehalten und sich die eigene Kindheit wieder in Erinnerung rufen muss, wenn sie nicht mehr so gegenwärtig ist, wie sie es sein sollte. Wie war das damals bei uns? Woran glaubten wir und wer erklärte uns schlussendlich, dass alles nur Märchen, Sagen und Einbildung ist? Die Maus jedenfalls ist ein richtiges Zauberwald-Mädchen. Sie hat noch die magische Fähigkeit, alles aus dem Blickwinkel der Wunder und Mythen zu sehen. Wenn ich ihr abends Geschichten vorlese, in denen sehr oft Elfen, Feen und andere magische Wesen ihre Abenteuer erleben, kann ich sehen, wie ihre Augen glänzen und der kindliche Teil in ihr all das glauben will und kann, was ich da erzähle. Doch je älter sie wird, desto mehr kämpft auch die Vernunft in ihr, die ihr zu vermitteln versucht, dass all das nicht wahr sein KANN, DARF und unmöglich ist.

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Quelle: pixabay.de

Ich selbst finde es schwer, eine lenkende Macht zu sein, die die Phantasie meiner Töchter gängeln soll. Auf der einen Seite soll man die Kleinen im christlichen Glauben erziehen, ihnen den Zugang zum Glauben ermöglichen, von Gott, Heiligen und all den wunderlichen Geschichten aus der Bibel erzählen, in der nichts anderes geschieht als das, was ihre Elfen und Zauberer auch den ganzen Tag erleben. Wie kann ich einem Kind auf der einen Seite ernsthaft vermitteln, dass es an Menschen und Mächte glauben SOLL, die durch Wunder Lahme gehend und Blinde sehend machten, aber dass es keine Waldgeister gibt, die kleinen Mädchen Wünsche erfüllen? Ich jedenfall bringe weder das eine, noch das andere wirklich übers Herz. Wenn die Maus mich fragt, ob es dieses oder jenes tatsächlich gibt, frage ich zurück. „Was glaubst du denn?“. Das ist die Zauberfrage, die bisher immer funktioniert hat. Sowohl auf ihre Fragen in die christliche Richtung danach, ob Gott wirklich die Menschen gemacht hat als auch auf die, ob Feen wirklich in Vollmondnächten Mondstrahlen herabklettern um mit Kindern Abendteuer zu erleben. Und das, was sie mir dann antwortet, ist für den Moment Wahrheit. Ich selbst bin jemand, der offen ist für alles. Ich halte nichts für unmöglich – und wenn wir ehrlich sind, erschaffen Millionen Menschen auf diesem Planeten eine Welt, in der Götter und Propheten, Glaubenskriege und Visionen die bedenklichen Hauptrollen spielen. Alleine durch ihren Glauben. Wie kann ich da einem kleinen Mädchen die Chance nehmen, eine möglicherweise bessere Welt zu erschaffen, voll von Magie und Liebe, erfüllten Wünschen und Zauberei?

Wenn Millionen von Christen, Moslems, Hindus, Juden etc. das Recht haben, Glauben zu Realität zu machen, dann frage ich mich, ob es all das andere nicht auch geben kann in dieser Welt – und wir Erwachsenen uns nur im Laufe der Jahre dagegen verschlossen haben. Wer hat das Recht zu bestimmen, was wahr ist und was nicht? Wer hat das Recht, jemanden zu überzeugen, dass die Bibel das Wort Gottes ist und Märchenbücher erfundener Quatsch? Ich nicht. Und egal ob wir von Einhörnern, Osterhasen oder Feen sprechen, jedes Kind hat das Recht darauf, sein Leben selbst zu erforschen und Dinge zu hinterfragen. Und ich persönlich finde es merkwürdig, wenn Erwachsene Kindern auf der einen Seite ihren Glauben an all diese magischen Dinge nehmen wollen, aber auf der anderen Seite ebendiese Welt benutzen, um beispielsweise das christliche Weihnachten besser zu vermitteln. In meiner Kindheit war das Christkind immer ein Mädchen mit Flügeln, das heimlich meine Wünsche erfüllte. Auf magische Weise. DAS war ok. Aber dass kleine Zwerge nachts im Garten die Blumen zum Wachsen bringen, ist merkwürdig? Dass die Schnuller- oder Zahnfeen den Eltern dabei helfen, mulmige Situationen zu meistern, die ohne sie für die Erwachsenen unangenehm werden könnten, finden alle gut. Aber dass auf der kleinen Wiese neben dem Kindergarten Feen in den Bäumen leben und Glitzerstaub herabriesen lassen, klingt verrückt?

Ich denke, alles geht seinen Weg. Aber ich werde meine Töchter in ihrer kleinen Welt unterstützen und ihnen dabei helfen, ihre Wahrheit zu finden und sie nicht in Schranken zwingen, die sie zu Menschen machen wollen, die alles glauben sollen, was ein paar wenige ihnen weismachen wollen, die aber selbst nicht mehr über den Tellerrand schauen dürfen. Es gibt so viel mehr auf dieser Welt. Hoffe ich. Glaube ich. Und wünsche ich.

3 Gedanken zu „Magie

  1. Konsequent war ich nur bei den Gespenstern, da habe ich immer gesagt „Gespenster gibt es nicht“ weil ich gemerkt habe, dass die meiner Tochter Angst machen. Ansonsten war der Glaube an Gestalten aller Art immer positiv belegt und deshalb darf man bei uns an fast alles glauben.
    Wenn ich ganz konkret gefragt wurde „Mama gibt es dieses oder jenes“ sage ich auch mal, dass ich es nicht weiß, das ist eben „glauben“, man kann es nicht so genau wissen. Feen, Elfen, Weihnachtsmann, Jesus – alles empfinde ich als große Bereicherung eines Kinderlebens. Liebe Grüße

    1. Hallo!

      Diese Gespenster- und Monstersache ist so ein Ding… Ich selbst hatte Angst vor soetwas und es half mir null dabei, wenn mir jemand sagte, dass es das nicht gebe. Ich habe mich nur nicht ernstgenommen gefühlt. Für mich WAR es eben real. Ich versuche meiner Tochter solche Dinge immer ins Positive zu rücken. Geschichten zu finden, in denen die Gespenster lieb sind, Monster missverstandene Wesen sind oder so. Das hilft ihr besser. Da gehe ich einfach von mir selbst aus… (Habe heute noch Angst im Dunkeln… :D) Aber ja, das ist eine schwierige Sache.

      Liebste Grummelgrüße!

  2. Wunderbar gesprieben! Das ist ein sehr schwieriges Thema, dieser ganze Zwiespalt zwischen „lügen“ und „Phantasie fördern“.

    Auch das mit dem Glauben verursacht mir noch Kopfzerbrechen.

    Danke für’s laut nachdenken und Denkanstoss liefern!

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