Eltern und Kinder

Mobbing & Gewalt in der Grundschule – früher und heute

Als Beitrag für eine Blogparade schrieb ich schon einmal über das Thema Mobbing in der Grundschule oder im Kindergarten, das mich selbst schon betraf, als ich Kind war. Esme von 2kindchaos schrieb jüngst auch einen Artikel darüber, wie unwissent und schlecht organisiert noch heute mit dieser Sache umgegangen wird. Selbst, wenn es um sexuelle Übergriffe unter Grunschulkindern geht. Wer möchte, kann ihn hier nachlesen. Zum Zeitpunkt der Blogparade war ich noch keine Grundschulmama und hatte noch keinen aktuellen Einblick in den Alltag an Schulen im Jahr 2016. Heute hat die Maus bereits ihr erstes Schulhalbjahr hinter sich und ich musste schon so ein paar Dinge feststellen…

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Quelle: pixabay.de

Früher…

… war es zumindest meiner Erfahrung nach so, dass das Wort Mobbing nicht existierte. Natürlich gab es trotzdem die Handlungen an sich. Und das nicht zu knapp. Aber bei uns Kindern der der 80er hieß das einfach hänseln oder schikanieren. Ich selbst war wegen der fragwürdigen Einzugsbereich-Regelung für Grundschulen in einer echten Brennpunktschule gelandet und erlebte meine Grundschulzeit als sehr aggressiv und unterdrückend. Ich wurde täglich drangsaliert, in den Pausen verprügelt, schikaniert von den immer gleichen Verdächtigen. Nicht nur ich litt darunter. Viele meiner Freundinnen und Freunde erlebten denselben Alltag. Ein paar schwer aggressive Kinder regierten die kleine Welt dort und wir alle zitterten täglich, wer wohl wieder das Opfer des Tages sein würde. Wenn ich in den Pausen davongekommen war, wurde ich auf dem Weg in den Kinderhort von einer „Freundin“ verprügelt, wenn ich nicht das tat, was sie wollte. Meine Klassenlehrerin war eine sehr liebevolle, besorgte Frau, die ihr Möglichstes tat, um uns zu schützen und zu unterstützen. Eine Sportlehrerin jedoch verstärkte meinen Horror noch, indem sie mich im zarten Alter von 7 auf dem dreckigen, dunklen Pausenklo einsperrte, auf dem ich mich mit panischen Bauchschmerzen verkrochen hatte oder auf ähliche Weise deutlich machte, dass sie keine Zimperlichkeiten duldete.

Das alles klingt jetzt so, als hätte ich den puren Alptraum in den vier Jahren der Grundschulzeit erlebt. Ein Stück weit war das auch so. Aber so schlimm all das klingt, so war es doch für mich normaler Alltag! Warum hatte meine Mutter nichts unternommen, fragt ihr euch. Weil ich ihr 90% von dem, was mir so passierte, überhaupt nicht erzählte. Irgendwie war das normal und ich empfand all das damals als gar nicht so schlimm. So war das halt. Das Mädchen, das mich auf dem Nachhauseweg drangsalierte, nannte ich „Freundin“. Sie war eben dominant und oft schlecht gelaunt. Der Junge, der brutal an viele von uns herantrat, so oft er Lust hatte, war eben so. Er galt als „verhaltensauffällig“ und damit war die Sache auch schon erledigt. All die anderen kleinen und mittleren „Vergehen“ wurden einfach mit „So sind Jungs/Kinder eben“ heruntergespielt. Meine Mutter war mehr als einmal in der Schule und hatte Gespräche mit meinen LehrerInnen und den Müttern der „bösen“ Kinder. Doch die konnten sich auch nicht so recht durchsetzen. Alles in allem blicke ich heute eher skeptisch auf meine Grundschulzeit zurück, wenngleich ich froh bin, auch DIESE Welt kennengelernt zu haben. Doch heute, wo ich selbst Mutter eines Kindes in diesem Alter bin, kommen immer mehr die Erinnerungen hoch. Und sie sagen mir „Das war ganz und gar nicht okay und weit weg von normal!“.

Heute…

… weiß man so viel über das Phänomen Mobbing. Bullying. Es geschieht überall. Am Arbeitsplatz. In der Schule. Unter Geschwistern. Ja sogar im Kindergarten. Vielleicht mag das für den ein oder anderen schon zu sehr dramatisiert werden. Was ist aus dem guten, alten Hänseln geworden? Gleich soll alles Mobbing sein? So sind Kinder eben! In dem Alter der Grundschule passiert sowas doch nicht, oder? Tja… Oder? In der Grundschule meiner Tochter wird sehr früh nach der Einschulung die „Stopp-Regel“ eingeführt. Wird einem Kind ein Spiel oder eine vermeintliche Kabbelei zu viel, streckt es seinen Arm aus und macht mit flacher Hand und dem Satz „Stopp, ich will das nicht!“ klar und deutlich klar: ES REICHT MIR JETZT! In der Theorie eine gute Sache, in der Praxis aber, wer hätte das gedacht, zu schön um wahr zu sein. Wenn alles so einfach wäre… Die Grundschule meiner Tochter ist eine gute Schule. In einem guten Bezirk. Mit lieben, netten Kindern. Aber selbst da klappt nicht immer alles und ich merke oft, dass die Kinder (leider sind es körperlich oft die Jungs, während es auf der Psychoebene meist die Mädchen sind; zumindest meiner Beobachtung nach) einfach die Grenze zwischen okay und übergriffig nicht verstehen. Einem Kind hinterherrennen, das nicht gejagt werden will, einem Kind Dinge wegzunehmen, einem Kind Dinge kaputtzumachen – und all das trotz STOPP, ICH WILL DAS NICHT, gehört dennoch zum Alltag. Nicht in der massiven Form wie bei mir. Und vielleicht nicht extrem gehäuft. Dennoch gibt es schon jetzt die üblichen Verdächtigen. Die „Täter“ und die „Opfer“.

Vielleicht ist es ein bisschen hart, Kinder von 7 oder 8 Jahren in diese beiden doch sehr deutlichen Schubladen zu stecken, doch leider geschieht das gerne so. Freundich ausgedrück könnte man auch „Kinder mit starkem Selbstbewusstsein und Willen“ und „unsichere Kinder“ sagen. So oder so, es existieren beide Seiten. Und auch wenn die Eltern in keinem Brennpunkt leben und stolz auf eine Karriere als Akademiker blicken können, ändert es nichts daran, dass ein solch unterdrückendes und respektloses Verhalten seinen Mitschülern gegenüber meiner Meinung nach NICHTS mit „So sind Jungs halt“ oder „Typisch Mädchen, immer am Rumzicken“ zu tun hat. Und ich sehe da die größte Verantwortung bei den Eltern selbst. Die ihren Kindern schon viel früher hätten deutlich zu verstehen geben müssen, dass sie Respekt vor dem Eigentum und den Gefühlen anderer haben müssen. Dass es NICHT okay ist, seine Launen oder Wünsche mit schubsen, hauen oder ähnlichem zu untermalen. Sicher sind Grundschüler keine großen Redenschwinger. Sie werden kaum sachlich argumentieren oder diskutieren können. Das ist auch mir klar. Aber sie sollten wissen, dass man anderen Kindern weder verbal noch körperlich auf gewisse Weise zu nahe kommen sollte. Und hier meine ich keine freundschaftliche Kabbelei unter Kumpels. Ich meine Situationen, in denen das Gegenüber klar und deutlich zu verstehen gibt, dass es das, was passiert, nicht möchte. Ebenso gilt das für die „Psychoebene“. Es ist nicht okay, andere als „sowieso doof“, „Dieb“ oder „behindert“ zu etikettieren und diesen Kindern Tag für Tag ihren Schulalltag zu erschweren.

Traut euren Kindern mehr zu!

Ich weiß, dass Kinder keine Erwachsenen sind. Und keinen superhöflichen und superüberlegten Alltag stemmen können. Aber unsere Kinder lernen von uns. Jeden Tag. Sie lernen und hören, wie wir über andere sprechen, wie wir in Konfliktsituationen handeln und reagieren und wie wir mit unseren Mitmenschen interagieren. Sie ahmen uns nach. Sie erfahren durch uns, wo die Grenzen liegen – ihre eigenen Grenzen und die ihrer Mitschüler und Geschwister. Sicher sagen Kinder auch oft einfach etwas Unüberlegtes. Wenn ich sowas bei meiner Tochter mitbekomme, halte ich sie dazu an, sich in den anderen hineinzuversetzen. Kurz darüber nachzudenken, wie SIE sich in dieser Situation fühlen würde. Das funktioniert immer. Denn Kinder sind ja nicht „böse“ oder „schlecht“. Sie müssen nur lernen, zu reflektieren. Und ich finde nicht, dass das bis zur weiterführenden Schule warten muss. Man sollte Kindern schon im Kindergartenalter zutrauen, ihre Empathie, die sie ab etwa 3 Jahren voll ausgebaut haben, auch zu nutzen! Aber das gelingt nur mit unserer Hilfe. Mit der Hilfe von Eltern, Familien, Lehrern, Erziehern. Mit der Hilfe der Erwachsenen, die es eigentlich besser wissen sollten. So geben wir nämlich beiden Seiten – den „Tätern“ und den „Opfern“ – die Möglichkeit, zu freundlichen und respektvollen Erwachsenen zu werden, die sich streiten, kabbeln und ärgern können, ohne dabei permanent die körperlichen und emotionalen Grenzen der Menschen in ihrem Umfeld zu überrennen und zu missachten.

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