Eltern und Kinder ·Gesellschaft und Politik

Sprache ist mächtig – und mächtig verletzend

Sprache ist das, was unser Leben ausmacht. Unter anderem. Sprache macht, dass sich Menschen verständigen können. Sie lässt sie diskutieren, sie lässt sie Gefühle ausdrücken, sie lässt sie streiten. Sprache macht, dass Missverständnisse entstehen, aber sie lässt auch zu, dass diese geklärt werden können.

Sprache
by pixabay.de

In den letzten Jahren gibt es viele Debatten um gewisse Worte. Worte, die aus dem Sprachgebrauch verschwinden, aus Büchern und Texten genommen und durch andere ersetzt werden sollen. Political Correctness lautet das Motto unserer Zeit. Und was daran eigentlich gut und wichtig sein sollte, scheint die meisten Menschen heute nur noch zu nerven. Es wird sich aufgeregt, dass einige Wörter verpönt und „plötzlich“ in eine unschöne Ecke verbannt werden.

Sprache polarisiert

Warum wird plötzlich so ein Wind um das „gute, alte“ Wort Neger gemacht? Warum darf das Zigeunerschnitzel nicht mehr Zigeunerschnitzel heißen? Auch das so geliebte Wort Mohrenkopf ist in Ungnade gefallen. Und es gibt noch viel mehr Worte, die nicht mehr gerne gehört und gelesen werden. Diese Debatte verärgert viele Menschen. Ich höre echauffierte Sätze wie „Man kann es auch übertreiben“ oder „Früher hat das kein Schwein interessiert“ – oder eben „Das sind doch nur Worte!“. Und es brodelt schon eine ganze Weile in mir. Aber nicht, weil ich um diese Begriffe kämpfen möchte oder weil ich will, dass alles einfach beim Alten bleibt in Wort und Schrift.

Weiterentwicklung – aber bitte nicht überall!

Es brodelt in mir, weil sich heute scheinbar alles und jeder weiterentwickeln und wandeln darf. Nur hört der Spaß offensichtlich beim Wort auf. Bei Worten und Wörtern, die Menschen verletzen. Hier soll bitte alles so bleiben, wie es immer schon war. Niemand (naja, fast niemand) würde einen dunklehäutigen Menschen offen Neger nennen. Oder Mohr. Aber es ist okay, wenn unsere Kinder, wenn die nachfolgenden Generationen diese Begriffe wie selbstverständlich wieder und wieder nutzen und verinnerlichen, weil einige Leute denken, dass in dieser Sache die Sprache unangetastet bleiben soll? Ich erkläre meinen Kindern, dass manche Wörter nicht okay sind. Und auch, dass Worte nicht einfach nur Worte sind. Worte sind mächtig. Viel mächtiger, als viele Menschen und vor allem Kinder sich vorstellen können. Sie haben die Macht, in nur einem Augenblick zu verletzen. Und mit dieser Macht sollte man gewissenhaft umgehen.

Wenn es nur Wörter sind, warum dann diese Aufregung?

Früher war ja bekanntlich immer alles besser. Früher machte man sich eben um dies und das viel weniger Gedanken als heute. Früher nannte man seine Frau Weib. Seine Kinder Blagen. Früher gab es für Frechheiten eine Backpfeife oder der Arsch hatte Kirmes. Klingt doch total harmlos, oder? Hat auch niemandem geschadet, oder? Warum änderte man das also? War doch alles gut. Früher.

Die Weiber waren zufriedene Heimchen am Herd, machten die Herren des Hauses glücklich und wenn die Blagen nicht hörten, gab es einen Satz heiße Ohren oder ihnen wurde der Hosenboden stramm gezogen. Wenn der Hausherr zum Weibe ging, sollte er seine Peitsche nicht vergessen und wenn der Köter sich was vom Essen stahl, beförderte man ihn mit einem Tritt vor die Tür. Solange das Frauenzimmer und die Gören spurten, war alles alles in bester Ordnung.

Sprache darf sich nicht verändern. Sie muss!

Ich glaube nicht, dass ich wirklich jemandem erklären muss, warum das Wort Neger schon immer ein schlechtes Wort war. Ebenso wie Mohr oder Zigeuner. Menschen fühlen sich minderwertig und in Zeiten zurückversetzt, an die keiner mehr erinnert werden möchte. Überall wird versucht, Menschen einfach Menschen sein zu lassen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe. Begriffe wie Neger, Schlitzaugen, Indiander, Weibsstück oder Göre sind vielleicht nur Wörter. Aber genau deswegen ist es doch kein Problem, sie nicht mehr zu nutzen und somit Menschen nicht mehr herabzuwürdigen. Nur, weil mal etwas gesellschaftlich anerkannt war, muss es das nicht bleiben. Wir leben im Jahr 2017, in dem jeder hier ach so aufgeklärt und ach so weltoffen sein möchte. Und dann hängen einige Leute so sehr an diesen vollkommen überholten Begrifflichkeiten? Heute, wo man so aufpassen muss, was man zu wem wie und wann sagt? Frauen ärgern sich, dass sie in den Medien Mädels genannt werden. Es wird verbal an vielen Stellen um kleine Begriffe gekämpft, weibliche Bezeichnungen werden wichtiger denn je – aber das N-Wort darf bleiben?

Der Prinz darf nicht mehr die Prinzessin retten, aber der Neger soll stehenbleiben

Ich für meinen Teil bin sehr froh, dass Sprache kein festes Konstrukt ist, dass sie mit der Zeit geht und sich anpassen kann. Ganz im Gegenteil zu vielen Mitmenschen, die scheinbar nicht dazu in der Lage sind, sich ein paar kleine Gedanken über Worte, deren Bedeutung und deren Wirkung auf andere Menschen zu machen. Und wenn deswegen manche Kinderbücher in Verruf geraten und so die Debatte neu angestoßen wird – so what? Wütende Eltern lesen ihren Kindern keine Märchen oder alte Geschichten mehr vor, weil das Frauenbild darin veraltet und nicht mehr zeitgemäß ist. Aber wenn andere Kulturen und Hautfarben verunglimpft werden, dann ist das plötzlich wichtiges, klassisches, literarisches Kulturgut, das nicht verändert, ja nicht einmal diskutiert werden darf?

Ich verstehe die Gedanken um alte Texte und die Frage danach, ob und inwieweit man sie ändern oder umschreiben sollte. Wirklich. Aber was ich nicht verstehe, das ist die Halsstarrigkeit von Menschen, die das gedankenlos und ohne zu hinterfragen ablehnen.

 

Ein Gedanke zu „Sprache ist mächtig – und mächtig verletzend

  1. Liebe Katja, sehe es ganz ähnlich wie du. Der sensible Umgang mit Worten ist wichtig, denn sie können erheblichen Schaden anrichten. Ich spreche mit meinen Kinder über Wörter in Kinderbüchern, die heikel sind. Warum und wieso sie verletzen, und dass es nicht in Ordnung ist, sie zu benutzen. Menschen, die darüber hinweg gehen und das Thema nicht wichtig nehmen, empfinde ich als unsensibel. Danke für deinen Text! Laura

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.