Aufreger des Tages ·Eltern und Kinder ·Erziehung

Danke für den ungefragten Ratschlag, wildfremder Mensch!

Man regt sich ja oft genug über einen (ungefragten) Ratschlag der eigenen Eltern oder (kinderloser) Freunde auf. Aber was ich persönlich ja noch viel schlimmer finde, sind Tipps und Tricks von wildfremden Menschen. Von Leuten, die ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen habe, die ich in meinem ganzen Leben nie mehr wieder sehen werde – und die meine Kinder in ihrem ganzen Leben noch nie erlebt haben! Fremde Leute mit Supertipps, ihr seid mir so ans Herz gewachsen wie Herpes oder High Heels aus Plastik, die Blasen verursachen: So gar nicht.

Ratschlag nein Danke„Die wäre schon von selbst stehengeblieben, da hätten Sie nicht brüllen müssen!“

Dieser Satz erfreute mich jüngst auf einer Fußgänger- und Radfahrerbrücke, auf der meine Dreijährige hin- und herlief, um auf der einen Seite Blätter ins Wasser zu werfen und diese Blätter auf der anderen Seite vorbeischwimmen zu sehen. Just an diesem Tag war aber so viel Radverkehr, dass es wirklich nicht ohne war, die Kleine hin- und herflitzen zu lassen und gleichzeitig auf die Radfahrer zu achten. Nassgeschwitzt und gestresst brüllte ich also „STEHENBLEIBEN!“, als der 37465. Radler auf die Brücke schoss. Das Mäuschen blieb stehen und der alte Mann auf dem Rad auch. Um mir ebendiesen Satz vor die Füße zu motzen. Da platzte ich und gab ihm ein gutgemeintes „Nein, wäre ‚die‘ eben nicht, aber danke für den blöden Rat, fremder alter Mann!“. Zugegeben, etwas hart, aber kennt er mein Kind? Kennt er die anderen 37464 Radfahrer, die supergenervt sind, wenn ein Kleinkind auf ihrem Weg rumhüpft? Nein.

Ich habe ja nichts gegen Ratschläge, aber…

Im Prinzip ist ein Ratschlag ja meistens tatsächlich schlicht und einfach nur eins: Gut gemeint. Und zwar ohne bitteren Beigeschmack. Die liebe alte Dame, die sich ernstlich sorgt, was hinter dem Brüllanfall des Kleinkindes beim Bäcker stecken könnte; der liebe alte Herr, der sich um die Temperatur der Babyohren Gedanken macht; die junge Mutter, die aus einem Bauchgefühl und eigenen Erfahrungen heraus vielleicht eine Idee äußert, wie man in der oder der Situation sinnvoller handeln könnte. All diese Menschen meine ich gar nicht. Sicher, auch von diesen Menschen ist man zur falschen Zeit am falschen Ort genervt. Wenn es nun nicht die erste alte Dame, der erste alte Herr oder die 5. junge Mutter an diesem Tag ist. Aber eigentlich sind sie alle lieb und freundlich und besorgt. Zum Kochen und Schnauben bringen mich einfach diese frechten, dreisten Leute, die meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen und somit den omnipräsenten Überblick zu haben!

Ratschlag aus der Hölle oder von oben herab

Menschen, die frech und unverschämt meinen, weil sie ein gewisses Alter und somit gleichzeitig Weisheit erlangt haben, sind da die schlimmsten Zeitgenossen. Und da muss ich auch sagen, dass Männer um Längen dreister sind als Frauen. Gerne wird ein „Kindchen“ oder „Werden Sie mal so alt wie ich“ zur Beschwichtigung eingefügt, was es NOCH SCHLIMMER MACHT! Ich bin kein Kindchen, schon gar nicht seins/ihres und wenn ich mal so alt werde, so erschießt mich, wenn ich mich so unhöflich und unangenehm in Dinge einmische, die mich überhaupt nichts angehen. Nein, mein Kind darf jetzt eben keine Schokolade haben, auch wenn es sich im Supermarkt wie ein tasmanischer Teufel aufführt. Nein, mein Kind darf nicht „selbst bestimmen“, wenn es um Sicherheit und Straßenverkehr geht. Und nein, mein Kind ist kein „armes Mädchen“, wenn es auf Mama oder Papa in dieser und jener Situation hören muss. Niemand kennt doch bei sowas die Hintergründe. Das eine Kind ist berühmt dafür, dass es regelmäßig Wutanfälle an Supermarktkassen hat, das andere Kind berüchtigt für sein Auf-die-Straße-Gerenne-ohne-zu-gucken. Aber du, fremder frecher Mensch, du weißt das eben nicht. Weil du FREMD bist!

Hier rein und da raus geht leider nicht immer

Klar, an guten Tagen kann ich diese Art „Ratschlag“ einfach ignorieren und werde nicht zur bösen Furie, die für Außenstehende einen armen, alten Herren anbrüllt. An guten Tagen lächele ich abwesend und mache mein Ding weiter. Aber an schlechten Tagen geht mir das wirklich unfassbar auf den mütterlichen Keks. Weil ich nicht verstehe, wie man auf diese unverschämte Art und Weise meint, in fremde Leben eingreifen zu müssen. Da will ich dann keinen doofen Ratschlag; da will ich einfach nur, dass sich der feine Herr und die nette Dame ihre bissigen und unnötigen Kommentare an den fremden Hut tackern und einfach weitergehen. DAS hat für mich nämlich auch was mit Erziehung und „guter Kinderstube“ zu tun. Zu wissen, wann einen etwas angeht und wann nicht. Und ja, da bin ich empfindlich. Weil es eben so oft passiert. Zu oft. Und dann überlege ich schon, nächstes Mal den Spieß rumzudrehen und zu sagen „Ihre arme Frau, muss die jetzt den ganzen Scheiß alleine vom Rewe nach Hause tragen?“ oder „Ist das Bier um diese Zeit nicht etwas früh?“. HA! Ich kann das nämlich auch! Und sogar besser! Also fordert mich besser nicht heraus!

 

 

5 Gedanken zu „Danke für den ungefragten Ratschlag, wildfremder Mensch!

  1. Liebe Katja,

    ich verstehe dich nur zu gut. Zumindest wurde dir in der Situation auf der Fahrradbrück „nur vorgeworfen“ zu überfürsorglich zu sein. Ich brülle auch, wenn ich mein Kind gleich unter einem Auto (oder in deinem Fall Fahrrad) liegen sehe. Vielleicht hat sich der Arme alte Mann nur selbst erschreckt und wollte sich mit seinem Kommentar irgendwie selbst auf den Boden der Tatsachen bringen. Zwischen Angst und Vertrauen geht es nur sehr schwer zu entscheiden. Ich habe erst selbst darüber einen geschrieben.

    Liebe Grüße
    Ella

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