Aufreger des Tages ·Eltern und Kinder ·Erziehung ·Gesellschaft und Politik

Unsere Kinder, unsere Entscheidung – Ein Plädoyer gegen das Einmischen

Wisst ihr, worauf die Betonung in „Unsere Kinder“ liegt? Auf „Unsere“, zumindest in den meisten Fällen. Warum ich das extra erwähne? Weil viele und leider immer mehr Menschen das zur Zeit vergessen. Und ich meine jetzt nicht in meinem direkten Umfeld, ich meine auch in eurem Umfeld, in dem von Medien und Autoren, von Pädagogen und Verwandten. Es ärgert mich maßlos, was ich in den letzten Monaten und Jahren so alles las und hörte.

IMG_1264Ihr glaubt, alles besser zu wissen

Ihr glaubt, dass wir unseren Kindern zu wenig zutrauen, weil wir sie mit 5,6 oder 7 nicht alleine zum Einkaufen oder auf den Spielplatz lassen?

Ihr glaubt, dass wir Helikoptereltern sind, weil wir sie (noch) nicht loslassen oder ins kalte Wasser werfen wollen?

Ihr glaubt, dass wir sie verhätscheln und in Watte packen und zu Weicheiern und Mama-Söhnchen und -Töchtern erziehen?

Ihr glaubt, dass wir viel zu viel Trara um alles machen und sie zu oft in den Mittelpunkt rücken?

Ihr glaubt, dass wir zu empfindlich sind und in unserer Sorge übertreiben?

Ihr glaubt, dass wir zu viele Entscheidungen von den Befindlichkeiten unserer Kinder abhängig machen?

Ihr glaubt, UNSERE Kinder besser zu kennen als wir?

Nicht jeder Zeitpunkt ist der richtige Zeitpunkt für unsere Kinder

Wir trauen unseren Kindern alles zu. Wir wissen am Besten, was sie können, was sie bereit sind zu leisten, was sie sich selbst zutrauen. Wir trauen unseren Kindern zu, alleine zum Supermarkt oder zum Spielplatz zu gehen. Aber vielleicht trauen wir es der Welt nicht zu? Vielleicht trauen wir es dem verrückten Raser in der 30er-Zone nicht zu, der laut gröhlend und betrunken einen auf Kamikaze-Kotzbrocken machen muss? Vielleicht trauen wir es dem Arschloch nicht zu, das kranke Gedanken im Kopf hat und sie just an diesem Tag in die Tat umsetzen will? Vielleicht wollen wir den älteren Geschwistern nicht die erdrückende Verantwortung für ihre kleinen Schwestern und Brüder aufbürden, um sie noch ein paar Jahre länger einfach nur Kinder sein zu lassen?

Wenn wir fühlen, dass unsere Kinder für manche Dinge im Leben noch nicht bereit sind, weil wir ihre Reaktionen, ihre Mimik und Gestik, ihre ganze Gefühlswelt mit nur einem Blick deuten können, dann ist das so. Kann es sein, dass unsere Kinder noch nicht bereit dafür sind, in die Kita oder in den Kindergarten zu gehen? Noch nicht bereit dazu, alleine in Sportkursen zu bleiben oder ohne Mamas Kuss und Papas Knuddeln in die Schulklasse zu gehen? Kann es sein, dass unsere Kinder noch ein Stück weiter im Leben begleitet werden wollen als andere?

Wenn wir glauben, dass wir unseren Kindern die Geborgenheit und Liebe auf diese oder jene Art vermitteln müssen oder sollten, dann tun wir das. Vielleicht, weil unsere Kinder in manchen Situationen besondere Zuwendung brauchen? Vielleicht, weil unsere Kinder sensibler sind als andere Altersgenossen? Vielleicht, weil es weder sie noch uns stört, dass sie noch Kinder und somit gerne Mama-Söhnchen und -Töchter sein dürfen? Vielleicht, weil es an Liebe und Zuwendung, an Sorge und Unterstützung kaum ein „zu viel“ geben kann in der Kindheit?

Wenn unser Instinkt uns sagt, dass gewisse Belange, die unsere Kinder betreffen, wichtig und notwendig sind, dann werden wir danach handeln. Es mag sein, dass man früher nicht so viel Trara um seine Kinder gemacht hat. Es mag auch sein, dass man früher alles früher los-, zu- und entließ. Es mag sein, dass unsere Prioritäten sich extrem verschoben haben in den letzten Jahren. Es mag sein, dass der ein oder andere von euch nicht verstehen kann, wie man heute MIT den Kindern und nicht mehr NEBEN oder TROTZ der Kinder lebt.

Wenn unser Bauchgefühl uns sagt, dass wir auf unsere Kinder besonders aufpassen müssen und sie möglichst lange beschützen und vor Schaden und schlechten Erfahrungen bewahren wollen, dann werden wir darauf hören. Vielleicht, weil wir heute einfach viel mehr wissen und hören und erfahren von Dingen, die man besser nicht wüsste. Vielleicht, weil wir selbst Erfahrungen in unserer Kindheit und Jugend gemacht haben, die wir unsere Kinder einfach nicht wiederholen lassen wollen? Vielleicht weil unsere Kinder diese besondere Sorge einfordern und gerade brauchen?

Wenn unsere Familie aus gemeinsamen Entscheidungen besteht, dann schließt das auch unsere Kinder mit ein. Und wenn wichtige Dinge beschlossen werden müssen, dann werden wir auch die Meinung der Kinder berücksichtigen, egal wie alt und „reif“ sie schon sind. Es kann sein, dass ihr denkt, unsere Kinder sind noch zu jung für diese Entscheidungen. Es kann sein, dass ihr der Meinung seid, dass Kinder nicht alles beeinflussen sollten. Es kann auch sein, dass ihr nicht nachvollziehen könnt, wie man große Dinge von der Stimme der Kleinen abhängig machen kann.

Mit uns zusammen? Gerne. Über unsere Köpfe hinweg? Nein!

Es sind UNSERE Kinder. Wir kennen sie. Wir trugen sie, wir stillten sie, wir begleiteten sie durch ihre ersten Stunden, Wochen und Monate. Wir waren bei ihren ersten Worten, Schritten und Taten dabei. Wir gewöhnten sie ein, schulten sie ein, wir machten sie gesund, wenn sie krank waren. Wir lachen und weinen mit ihnen. Wir erleben tagtäglich ihre Gefühle, ihre Wut, Sorge, ihre Ängste, Freude und Wünsche. Wir wissen nicht, was genau ihr wollt? Auf der einen Seite trauen wir unseren Kindern zu wenig zu, aber wenn wir sie mitentscheiden lassen, dann ist das albern? Auf der einen Seite verhätscheln wir sie zu sehr und lassen uns von unseren Kindern auf der Nase herumtanzen, aber wenn wir ihnen auf Augenhöhe begegnen, dann sind wir nicht kindgerecht?

An alle ErzieherInnen, LehrerInnen, Verwandten, Freunde und Fremde im Supermarkt oder beim Bäcker, liebe Erziehungsratgeber-Autoren und Mit-Mütter: Wir freuen uns über konstruktive Ideen und Vorschläge. Wir sind gerne bereit dazu, zu diskutieren und uns zu erklären, unsere Sicht der Dinge zu schildern und gutgemeinte Ratschläge anzuhören. Aber wir sind nicht bereit dazu, dass unsere Kinder zu euren Kindern gemacht werden. Wir werden nicht akzeptieren, dass unsere Kinder in einen großen Pott geworfen und verallgemeinert werden. Es ist uns egal, ob ihr uns Helikopter, Glucken oder Supermütter nennt. Denn bei allen Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen müssen, denken wir an das Wohl unserer kleinen und großen Mäuse. Vielleicht sind wir in euren Augen nicht immer objektiv oder vernünftig oder pädagogisch wertvoll. Aber es gibt kaum etwas Schlimmeres für uns Mütter und Väter, als gegen das eigene Bauchgefühl oder gegen die eigene Intuition zu arbeiten. Und niemand kennt unsere Kinder besser als wir selbst. Wenn wir also Entscheidungen treffen, die ihr als sinnlos, übertrieben oder nicht nachvollziehbar empfindet, dann dürft ihr gerne nachfragen, warum wir so handeln. Ihr dürft auch still den Kopf schütteln oder euch eure ganz eigenen Dinge dazu denken. Aber hört auf, uns 0815-Tipps und Anleitungen für DEN Alltag und DIE Art der Erziehung zu geben. Die brauchen wir nicht. Denn WIR müssen letztendlich hinter unseren Entscheidungen stehen und mit ihren Konsequenzen leben. Und zumindest ICH kann das nur, wenn auch ICH diese Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen getroffen habe – und sie nicht nur traf, weil jemand meinte, es besser zu wissen.

8 Gedanken zu „Unsere Kinder, unsere Entscheidung – Ein Plädoyer gegen das Einmischen

    1. Eben! Klar gibt es Dinge, sie man sich ruhig mal anhören kann. Das meine ich auch nicht. Aber diese Leitfäden zur Erziehung aus allen Richtungen! No go!

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