Eltern und Kinder

Was ist Armut?

Immer wieder wird in Deutschland über „Armut“ geklagt. Irgendwie ist das ein Thema, das mir immer sauer aufstößt. Gar nicht wegen der Thematik, eher wegen der Vokabel und ihres Grundtenors an sich. Ich finde einfach, dieses Wort wird viel zu inflationär benutzt und es sollte viel mehr Abstufungen und Facetten haben. Was ist Armut? Für mich ist Hartz4 zum Beispiel keine Armut. Für mich ist reduzierte Kleidung oder Second Hand kaufen zu müssen, keine Armut. Wir wohnen derzeit zu viert in drei Zimmern und ich fühle mich deswegen kein bisschen arm, denn ich liebe unsere Wohnung. Für mich sind Einkäufe in Discountern keine Armut. Auch wir müssen derzeit Angebote durchforsten und sehen, was wir wann wo kaufen. Aber für mich ist das eher eine Art Sparsamkeit, die ich angebracht finde. Für mich ist das Nachdenken über jede Ausgabe und das Abwägen der Notwendigkeit von Anschaffungen keine Armut. Für mich ist das „Sich nicht immer alles leisten können“ keine Armut. Für mich ist es keine Armut, wenn man nicht jeden Abend essen gehen oder Cocktails trinken gehen kann. Für mich ist selbst der Besuch der Tafel oder der Kleiderkammer keine Armut.

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Quelle: Pixabay

Was ist Armut? Für mich ist Armut, wenn man morgens erwacht und nicht weiß, was man essen soll. Wenn man seine vielen Kinder nicht ernähren kann, einige schon verhungert oder an Krankheiten verstorben sind. Für mich bedeutet Armut, den ganzen Tag an nichts anderes als an Essen denken zu können, weil man einen so großen Hunger verspürt, dass man sich nicht mehr erinnern kann, ihn jemals nicht verspürt zu haben. Armut ist, wenn man täglich Gefahr läuft, für ein Stück Brot getötet zu werden. Armut ist, wenn man kein Dach über dem Kopf hat, auf der Straße oder in zusammengezimmerten Hütten leben muss, sein Essen erbetteln, stehlen, sich dafür prostituieren oder es aus dem Müll fischen muss. In Armut lebt man, wenn man die Dinge, über die wir hier jammern, nicht mal aus Erzählungen kennt. Armut bedeutet, kein frisches Wasser zu haben, noch nie eine Dusche oder Badewanne gesehen, niemals eine warme Decke, saubere Kleidung oder Stille erlebt zu haben. Keine medizinische Versorgung zu haben. Armut ist für mich, ums nackte Überleben kämpfen zu müssen. Jeden. Einzelen. Tag. Deines. Lebens.

Ich weiß, dass es vielen Menschen in unserem Land nicht gerade supertoll geht. Ich weiß, wie sich sehr wenig haben anfühlt. Glaubt es mir. Wir haben auch nicht viel. Wirklich nicht. Wir können gerade auch nicht in Urlaub fahren, wohin und wann wir wollen. Wir können gerade auch nicht einfach Dinge kaufen, die wir gerne hätten. Aber jedes einzelne Mal, wenn ich dusche oder abends fernsehe oder mit meinen Kindern Waffeln backe, denke ich daran, wie gut wir es haben. Wir haben eine Wohnung. Heizung. Wir haben Computer, Handys, Kleidung, ein Auto, wir sind satt, glücklich, können Weihnachten feiern. Ich mag dieses Gejammer in Deutschland mit seinem immer noch sehr guten sozialen Netz nicht. Ich hasse es. Ich lebte 2 Jahre in Afrika als Kind, ich WEISS, wie Armut aussieht. Mehrere Jobs haben zu müssen, um halbwegs über die Runden zu kommen, ist sicher Scheiße. Dass alles teurer wird, ist Mist. Jeden Cent dreimal umdrehen zu müssen, ist kein Spaß. Aber Armut ist das für mich einfach nicht. Was wir hier Armut nennen, ist in vielen, vielen anderen Ländern purer Luxus. Solange man Zeit dafür hat, wie ich gerade hier,  Artikel an Computern in Wohnzimmer darüber zu tippen, wie arm man ist und dabei einen Kaffee trinken zu können, während die Kinder nebenan oder um einen herum sicher und geborgen spielen können, hat man keine Vorstellung davon, was Armut wirklich bedeutet. Zum Glück nicht. Mir geht es nicht um die Gedanken. Mir geht es eigentlich wirklich nur um das Wort. Und dessen Bedeutung für andere Menschen auf der Welt. Geldprobleme zu haben ist nicht toll. Mir sind gerade andere Sachen wichtiger, aber ich verstehe jeden, der über nicht zu bezahlende Rechnungen jammert oder Angst vor der nächsten Rechnung hat. Nur das Gesicht der Armut sieht einfach anders für mich aus.

Ein kurzer Blogpost über das, was mir am Herzen liegt. Und mich ärgert. Das war es schon. Danke.

15 Gedanken zu „Was ist Armut?

  1. Das denke ich auch immer wieder.. ich kenne das auch, das ich als Kind aufgetragene Sachen getragen habe und die vorherigen Besitzer das gesehen haben (was mich aber nicht störte) Und zum Ende des Monats gabs auch mal nur Nudeln.. aber ich hab mich nicht arm gefühlt. Und wir waren vier Kinder in einer 4Zimmer Whg. Meine Eltern haben immer dafür gesorgt, das es uns gut geht.

    LG Nicola

    1. Genau. Manchmal will man mehr. Und manchmal hat man nicht viel. Aber man hat seine Familie, seine Gesundheit und man hat Sicherheit. Das reicht fürs Erste. <3

      1. Ja, auf alle Fälle.. Heute muss ich (dank des guten Verdienstes meines Mannes) nicht mehr ganz so viel überlegen, ob da jetzt mal was drin ist. Aber man hat es immer im Hinterkopf..

        Wir hatten am Wochenende hier den Nikolausmarkt vom Kolping, die sammeln für Afrika (wasseraufbereitung). Da gibt man dann auch gerne mal für nen Kranz 25 Euro her, weil man weiß, das Geld geht dahin.. Oder gibt 5 Euro für Lose aus, im Wissen, das man vielleicht nur nen Bleistift als Trostpreis rausbekommt 🙂

        Wir sollten wirklich alle froh und dankbar sein.

  2. Du hast so recht! Was mich persönlich auch richtig nervt, ist immer das Argument, wenn es um Spenden für Afrika/Lateinamerika/Asien geht:
    ‚Hier in Deutschland geht es auch vielen Leuten schlecht. Denen können wir doch erstmal helfen.‘
    Das sehe ich nicht so. Wir haben einen Sozialstaat und Frieden. Woanders ist Krieg und sie haben nichts zu essen. DA muss man anfangen, oder? Ich empfinde das schon fast als Spendenrassismus.

    1. Ganz genau so geht es mir auch, daher wollte ich grad vor Weihnachten mal drüber schreiben. Wir haben Frieden. Wir haben Essen. Wir leben statt zu überleben. Das ach so arme Deutschland, das sich zuerst selbst helfen soll? Kotzt mich auch an. Ich wünsche jedem, der solche Thesen vertritt, eine Wochen tauschen mit jemandem, der WIRKLICH in Armut lebt.

  3. In gewisser Weise sehe ich das schon als Armut an, wenn jemand zur Tafel gehen muss, denn er/sie hat nicht genug Geld um sich selbst zu versorgen. Gäbe es nämlich keine Tafeln, hätte er/sie definitiv ein Problem.
    Im Discounter einkaufen oder 2nd-Hand tragen, sehe ich nicht als Armut an. Ich mache das auch, weil ich die Sachen als ausreichend empfinde.
    Die Armut in den Industrieländern ist natürlich eine ganz andere als im Rest der Welt, aber beides finde ich sehr schlimm. Mir blutet jedesmal das Herz, wenn ich die Schlange vor der Tafel sehe….

  4. Deshalb sage ich ja, dass es einfach andere Begriffe geben sollte, um all diese Dinge zu beschreiben. Das Ding ist aber doch, es GIBT eben die Tafeln. Wobei ich auch sagen muss, dass ich nicht ganz nachvollziehen kann, wie man sich kein Essen leisten kann, denn auch wir kennen durch Wartezeiten und Jobsuchen in und nach dem Studium ALG2 und waren noch nie in dieser Not… Aber das sind dann andere Themen.

    1. Also wir haben auch schon nicht so leichte Zeiten hinter uns, aber so weit ist es zum Glück nie gekommen. Ich finde es nur schade, dass es solche Einrichtugen überhaupt geben muss.
      Diese „richtige“ Armut kann man sich kaum vorstellen. Unsere Probleme sind meist nur Luxus…

      1. Genau. Ich sagte ja, hier läuft auch einiges schief. Definitiv. Und es läuft vor allem in die falsche Richtung… Nur „Armut“ ist eben für mich etwas anderes. Aber Geldsorgen und Arbeitslosigkeit sind auch Dinge, die wirklich ätzend sind.

  5. Ich verstehe im Prinzip, was du meinst. Aber dennoch möchte ich dazu was sagen. Ich finde, dass sich Arm und Reich dadurch definiert, wie es meinem Umfeld geht. Mit Umfeld kann man natürlich die ganze Welt sehen. Aber es ist einfach so, dass die Standards in anderen Ländern einfach ganz andere sind, als bei uns in Deutschland. Und daher finde ich es nicht ganz richtig zu sagen, dass man nur dann Arm ist, wenn man nicht weiß, was man essen soll. Deutschland ist nunmal ein Sozialstaat und das sollte man im Hinterkopf behalten. Trotzdem, gibt es viele Familien, die in meinem Auge „arm“ sind. So bin ich auch groß geworden. Ich finde es gar nicht verwerflich. Im Gegenteil sogar! Ich bin froh so groß geworden zu sein. Es hat mich einfach gelehrt, dass es uns jetzt finanziell gesehen viel besser geht. Ich und mein Partner haben zusammen so viel Geld zur Verfügung, was meine Mama mit 3 Kindern nicht hatte. Sie hätte nicht arbeiten gehen müssen und hätte mehr Geld gehabt, als sie hatte, obwohl sie arbeiten war. Im Grunde geht es mir jetzt auch in meiner Ausbildung plus Elternzeit plus arbeiten so. Aber ich bin froh, dass ich keinen finanziellen Druck hinter mir habe und das alles so machen kann, wie ich es für mich am besten finde. Klar ist es ungewöhnlich, wie wir leben und das, obwohl ich Azubine und der Herr gerade mal ein Jahr ausgelernt ist. Wir können einfach mal so Kleidung einkaufen gehen, ohne nachzurechnen. Wir haben auch die Mittel, dass wir in zweierlei Hinsicht für unseren kleinen Waschbären vorsorgen. Und wir haben es bewusst so gewählt, dass wir es auch mit mehreren Kindern genauso handhaben können… Und zusätzlich finanzieren wir zur Zeit meine kleine Schwester momentan mit, da sie Vollzeitstudenten ist und nicht zuhause wohnt. Sie weiß davon nichts, dass ihre beiden großen Schwestern der Mama Geld im Monat überweisen und sie es weiterleitet. Alleine könnte sie es gar nicht und unsere kleine Schwester würde alleine dastehen.Aber um wieder zurück zu kommen: Es gibt auch in Deutschland ein Arm und Reich. Und Arm bedeutet – zumindest für mich – in Deutschland nicht unbedingt zu wissen, was man essen soll…

    1. Liebe Hanna, auch ich verstehe, worum es geht. Und ja, ich sehe die ganze Sache tatsächlich global. Weil ich es für mich selbst immer wichtig finde, alles in großer Relation zu sehen. Und mir geht es ja auch wirklich um das Wort an sich. ARMUT gibt es nicht in Deutschland. Für mich. Es gibt wohlhabende Menschen und es gibt Menschen, die am deutschen Existenzminimun und darunter Leben. Aber ja, wir sind ein Sozialstaat und schon das schließt für mich Armut aus, so wie ich sie definiere. Ich will auch gar nicht sagen, dass hier alles rosarot und tuttifrutti läuft. Nein. Und es wird schlimmer. Aber für mich ist dieses Wort in unserem Problemhorizont einfach nicht passend.

      Liebe Grüße und danke für deinen tollen Kommentar!

  6. Für jeden ist Armut etwas anderes, dennoch, so wie sich die Dinge hier bei uns im Land entwickeln, sind wir auf den besten Weg dorthin, dass immer mehr Menschen in die Armut geraten.

    1. Sicher ist das Definitionssache. Für MICH ist dieses Wort eben verknüpft mit etwas, was es hier in unserem Land einfach nicht gibt. Das stärkste Wort, das es gibt. Daher sehe ich das anders. Nur viele andere leider nicht, was man in der heutigen Neid-auf-Flüchltinge-Zeit wieder deutlich erkennen kann. Leider.

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