Eltern und Kinder ·Erziehung

Woanders übernachten – Abenteuer oder Albtraum?

Woanders zu übernachten als im eigenen Bett ist für viele Kinder eine spannende und aufregende, oft aber auch eine nicht zu meisternde Herausforderung. Es gibt Kinder, die quasi mit dem Rucksack auf dem Rücken geborgen wurden und voller Abenteuerlust jede Gelegenheit nutzen wollen, wohingegen andere Kinder schon Bauch- und Heimweh bekommen, wenn sie nur daran denken! Für Eltern ist das oft eine Problematik, der sie hilflos und unsicher gegenüberstehen und nicht recht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Übernachten
pixabay.de

Hilfe, mein Kind schläft nur zu Hause!

Diesen Satz hat sich meine eigene Mutter sicher mehr als nur einmal gedacht. Vielleicht sogar mehrmals laut ausgesprochen – und ganz sicher hätte sie es verbloggt, hätte es damals schon Internet und Blogs gegeben. Denn ich war so ein Kind. Ein Heimschläfer. Ein Angsthäschen. Ein Panikkind. Ich schlief nirgends. Nicht bei meinen Großeltern, nicht bei meinen Tanten und Onkels (obwohl meine gleichaltrigen Cousinen wie Schwestern waren) und schon gar nicht bei Freundinnen. Nur bei meinem Vater schlief ich, wenn ich ihn besuchte. Meine Mutter war alleinerziehend und musste so quasi IMMER zu Hause sein. Ich schaffte es einfach nicht. Ich hatte einen schlimmen, alle anderen Gefühle überdeckenden, quälenden Klumpen in meiner Magengegend, der immer größer wurde, je näher der Zeitpunkt des Ins-Bett-Gehens rückte. Ich habe es oft versucht. Ich WOLLTE es sogar. Aber ich KONNTE es einfach nicht. Das Ende vom Lied war ein untröstliches Kind und eine Mutter, die es regelmäßig mitten in der Nacht abholte.

Mama alleine lassen? Niemals!

Das hatte für mich zwei Gründe. Der erste Grund war der, dass ich den Gedanken nicht ertragen konnte, meine Mutter ganz alleine zu lassen. Ich dachte, sie würde mich vermissen, sich einsam fühlen oder traurig sein. Und der zweite Grund war, dass ich irgendwie immer das unbestimmte Gefühl hatte, dass etwas schlimmes passieren würde, wenn ich auswärts übernachtete. Was, das kann ich gar nicht sagen. Es war so eine Gewissheit. So ein Zwang. Und diese beiden Gründe machten, dass dieser Klumpen immer so groß werden konnte. Heute denke ich, dass meine Mutter sicher sehr gerne mal einen Abend mit Freunden und außerhalb unserer Wohnung verbracht hätte. Damals dachte ich an sowas überhaupt nicht. Ich schlief nämlich tatsächlich bis ins späte Teenager-Alter nirgend, sondern ließ immer alle Freundinnen bei mir übernachten. Super Win-Win-Situation für mich, grande katastrophe für meine arme Mutter! An dieser Stelle ein riesigen SORRY für dich, Mama! Ich wollte ja nur aufpassen, dass du keinen Unsinn machst, so ganz ohne mich!

Soll ich mein Kind einfach zwingen, woanders zu übernachten?

Um Himmels Willen nein! Meine Große ist sieben Jahre alt. Und sie ist ein Heimschläferchen. Sie hat in den sieben Jahren ihres Lebens genau zwei Nächte alleine auswärts geschlafen. Das war einmal bei der Wackelzahnübernachtung im Kindergarten mit 6 – und der Kindergarten ist genau 2 Gehminuten von uns entfernt. Es klappte sogar. Aber nur mit unfassbarem Drama davor. Und einmal am Bodensee mit meinen Eltern. Das war eine schlimme, schlimme Nacht für alle Beteiligten, weil sie sich permanent übergeben hatte und vor Heimweh ganz krank wurde. Vor ein paar Monaten hat sie es noch einmal versucht. Im Hotel bei meinen Eltern, die zu Besuch waren. Circa 5 Minuten weg von hier. Sie wollte es, sie versuchte es, sie schaffte es aber wieder nicht. Mit im Gepäck sind schon immer Shirts von mir und Papa, liebste Stofftiere, Bilder etc… Nichts hilft, das Heimweh kleiner zu machen.

Ich finde es anstrengend, dass sie es nicht kann. Aber ich würde sie nie, niemals dazu zwingen. Denn ich weiß genau, wie sie sich fühlt. Ich weiß, wie der Klumpen alle anderen Gedanken verdrängt und es einfach unmöglich macht, rational und mit guten Gefühlen an die Sache heranzugehen. Und ich weiß, dass eine Siebenjährige gar nicht rational an sowas herangehen KANN, egal ob MIT oder OHNE Klumpen. Ich sehe, wie sie in solchen Momenten mit sich kämpft. Und hadert. Und es so gerne können würde. Bei Omi übernachten. Bei einer Freundin übernachten. So wie ich damals. Aber zwingen? Meine Mutter hat mich nie gezwungen. So gerne sie es sicher getan hätte. Und ich werde das auch nicht tun. Denn es würde nicht funktionieren. Und es würde die Angst und Panik nur noch größer machen. So groß, dass sie es sicher nicht mehr aus freien Stücken versuchen würde. Und so sehr es manche Zeiten auch vereinfachen würde, kann ich das einfach nicht. Nicht, wenn es nicht ein absoluter Notfall wäre.

Ihre Schwester hat übrigens noch überhaupt nie woanders übernachtet – ist aber wohl eher die Sorte Abenteurerkind mit Rucksack. So schätze ich sie zumindest ein… Würde es helfen, mal beide zusammen auszuquartieren? Habt ihr vielleicht Tipps oder Ideen zu diesem Thema? Oder ähnliche Heimschläfermäuse?

13 Gedanken zu „Woanders übernachten – Abenteuer oder Albtraum?

  1. Oh man, schreibst du über mich?
    ich hatte immer Heimweh, keine Klassenfahrt ohne Drama, kein übernachten bei Tante oder Freundin. Meine Eltern haben mich auch nie gezwungen, mein Papa hat mich überall geholt. 2 Wochen Skiferien mit Mühe und täglich telefonieren überstanden. Und das nur weil die Alternative in eine andere Klasse zugehen für mich noch schlimmer war. Bin sehr gespannt, wie es bei Muckel wird. Er hat erst einmal bei meinen Eltern geschlafen, und da ist mein wunderbarer Papa um drei Uhr mit ihm aufgestanden und hat Duplo gespielt ♡♡♡

    1. Ja, ich schreibe über dich. Und mich. 😀 Oh ja, Klassenfahrten oder so waren für mich auch der Horror! Aber ich finde zu wissen, dass man abgeholt wird, hilft auch schon weiter. Man fühlt sich sicher.

      Voll schön von deinem Papa!! Bei uns ist es so, dass unsere Familien 250km weit weg wohnen und wir deswegen nie versuchen, das zu machen. Das wäre zu hart nach dem Erlebnis am Bodensee… Naja. Wir bleiben dran! Auf jeden Fall wissen du und ich, wie unschön sich das anfühlen kann 🙁

  2. ja-ja, es trifft wohl jedes 2. Kind!
    …vlt. solltest du mal den „Spieß“ umdrehen: Wenn deine Eltern das nächste mal zu euch kommen und im Hotel nächtigen wollen, bleiben deine Eltern bei euch daheim und ihr (Eltern) zieht über Nacht ins Hotel … und kommt bestenfalls) erst zum Frühstück zurück.
    Die „Idee“Übernachtung-mit-Geschwister(n) sollte m.E.n. funktionieren

    viel Glück

    1. Bei uns würde das wohl klappen. Zu Hause und im eigenen Bett ist nochmal was ganz anderes. Da wird ja ab und an auch mal von Oma und Opa gesittet, wenn wir mal Essen gehen wollen oder so. Nur umdrehen darf man den Spieß dann aber nicht :/ Das mit beiden Kindern muss ich mal ausprobieren. Wenn sich irgendwie die Gelegenheit dazu ergibt. Vielen Dank für dein Feedback!

  3. Bei uns ist die Geschichte etwas anders angelegt, es gibt keine Omas/Opas mehr und auch sonst keine nahe Verwandtschaft, von daher stellt sich die Frage des auswärts schlafens noch nicht. Gespannt bin ich, sobald unser kleiner (3,5) mal ins Freunde übernachten Alter kommt. Wahrscheinlich wird es mir aber schwer fallen, Ihn woanders übernachten zu lassen 🙂

    1. Das ist schade, dass es niemanden (mehr) gibt… Aber dann ist die Frage ja echt nicht stellbar. Ich glaube, mit Freunden kann es oft nochmal was anderes sein. Bei mir klappte das zwar nicht, aber vielleicht ja bei den Kindern… Und jaaa, MIR fällt das auch schwer! Aber das darf man denen ja nicht zeigen 😀

  4. Das hört sich ganz genau so an wie bei uns.
    Die Große ist 6 und schläft nicht auswärts.
    Wir haben sogar das Glück, das Oma und Opa mit im Haus wohnen, aber selbst da hat sie glaube ich erst 3x geschlafen. Und das ist nur eine Etage tiefer!!!
    Ich glaube ja wirklich, wo das ist, ist egal. Es ist nicht das eigene Bett und Mama und Papa sind nicht in greifbarer Nähe…
    Zwingen könnte ich sie auch gar nicht. Das würde nicht funktionieren. Ich glaube das würde in wahnsinnigen Weinkrämpfen enden. Wie bei euch auch!
    Kindergeburtstage sind ja schon schwierig:-(
    Aber auch diese Phase geht irgendwann vorüber…
    Wobei, ich bin heute noch nicht gerne alleine 🙂

    1. So sieht das wohl aus – es ist egal, es ist NICHT zu Hause und es ist ohne Mama und Papa. So ist das bei uns nämlich auch. Sie liebt vor allem meine Mutter so sehr, aber sie schafft es trotzdem nicht, so gerne sie es auch würde… Das tut mir auch für sie so leid, weil sie da so hin- und hergerissen ist… Dann ist unsere Entfernung auch einfach zu groß, um das oft zu testen. Ich bin gespannt, wie das verläuft. Aber wenn es nichts wird, wird es nichts. Dieses Gefühl ist einfach zu schlimm, das würde man seinem Kind echt nicht antun wollen. Und haaa, ich bin auch nicht gerne alleine. Und dieses Gefühl im Herzen kenne ich heute auch noch.

  5. Unsere Große (grade 3) hat letztens bei Oma und Opa geschlafen, weil Oma mit zu ihr ins Gästezimmer auf die Couch gezogen ist und sie die ganze Nacht kuscheln konnte. Sie wollte auch sooo gerne alleine bei Oma und Opa sein, wir haben es aber kritisch gesehen, weil sie bei uns im Bett schläft, aber mit der Omakuschelvariante wars OK.
    Vielleicht auch eine Option?

    1. Hallo! Prinzipiell eine schöne Idee, aber leider funktioniert das bei uns nicht. Das eine Mal, wo sie mit meinen Eltern eine Nacht woanders war und nur weinte und sich erbracht vor Heimweh, da schlief sie sogar im Bett meiner Eltern… Nix… :/

  6. Dass beide Geschwister zusammen woanders übernachten kann funktionieren, muss aber nicht.

    Aber hast du deiner Tochter schon mal gesagt, dass du das Gefühl kennst? Dass es dir als Kind genauso ging?
    Das hilft euch jetzt nicht unmittelbar in der Situation, hilft aber deiner Tochter sehr viel, damit umzugehen.
    Bei meinen Sohn habe ich manchmal das Gefühl, dass dieses einfache Ge- und Verständnis ausreicht, damit er bestimmte Situationen meistern kann.

    Ich drück euch die Daumen :o)
    Nadine

  7. Hallo zusammen!
    Ich lese gerade diesen Blog und stelle fest, dass dieses Thema, obwohl schon 1 Jahr alt, sehr aktuell ist.
    Mein Großer (8, fast 9) schläft maximal bei meinen Eltern oder meiner Schwester…sie wohnen im gleichen Ort wie wir, höchstens 3 Minuten entfernt. Bei meinen Schwiegereltern möchte er nicht übernachten (50km entfernt).
    Leider versteht das mein Schwiegervater so gar nicht und versucht ihn mit ALLEN Mitteln zu überreden.
    Ich finde das so verkehrt. Zwingen oder gar überreden gibt es bei mir nicht. Entweder möchte er aus freien Stücken, oder halt nicht. Dann muss man das akzeptieren, finde ich.

    1. Hallo! Dieses Überreden finde ich auch gar nicht gut. Sowas sollte man gar nicht erzwingen. Entweder das tut ein Kind aus freien Stücken oder man lässt es ihn Ruhe, bis es von selbst soweit ist. Das mit dem Überreden wollen kenne ich auch, aber geklappt hat das bisher noch nie. Es gibt nichts, was man der Großen bieten könnte, was ihr das schmackhaft machen würde 😀 Recht hat sie. Ich selbst wollte das auch nie als Kind und kenne wirklich noch diesen Kloß aus Angst und Heimweh tief im Bauch. Der ist doof. Sehe ich alles genau wie du. Und sowas hat ja auch nix mit gern haben oder nicht zu tun. Meine Große (auch fast 9) liebt meine Eltern über alles – und trotzdem schafft sie es nicht. Wir leben aber auch leider 250km weit weg und konnten das nie mal kurz testen… Naja. Das wird schon! Liebe Grüße!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.